Stadtleben

Verrückte

Die alte Frau macht die Straße schön sauber. Den ganzen Tag über wienert sie in ihrem Kittel den Bordstein, sie hebt kleine Papiere auf und schmeißt sie in den Papierkorb. Sie fegt den Bürgersteig und auch die Straße davor, sie klaubt aus den öffentlichen Pflanzen die Fetzen der Plastik­tüten. Jeden Tag, im Winter und im Sommer. Sie ist wahrscheinlich verrückt.

Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist die alte, gebückte Frau viel weniger verrückt als wir alle, weil sie keine Lust auf den Dreck hat, ihn nicht als die normalste Sache der Welt begreift. Fest steht, dass man in der Großstadt mehr seltsamen Menschen begegnet als in Kleinstädten oder auf dem Land. Vielleicht ist es die Anonymität, die die Menschen krank macht. Vielleicht der Lärm, das Licht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine Stadt gibt, in der mehr Menschen mit sich selbst reden als hier. Selbst wenn man die Leute abzieht, die nur so aussehen, als würden sie mit sich selbst sprechen, in Wirklichkeit aber einen Knopf vom Handy im Ohr haben.
Manchen reicht es nicht, vor sich hin zu murmeln, sie wollen, dass man ihr Gerede hört. Wie der Mann, der seit Längerem auf einem Fahrrad durch Kreuzberg fährt und durch ein Megafon irgendetwas von Demokratie und Lüge plärrt. Man denkt immer, dass gleich ein Auto mit Wahlwerbung um die Ecke kommt, so laut ist er. Oder wie die Frau, die jahrelang vor der Gedächtniskirche stand und die Leute dazu aufrief, mehr zu ficken. Für den Frieden. Gegen das Böse. Das waren ihre Worte.

Verrückt, klar. Aber irgendwie hatte sie ja auch recht. Es ist schwer zu sagen, wer dazugehört: Ist der Mann mit den Kerzen auf dem Rücken verrückt, der sie mit hoher Stimme verkauft? Und der Schrat, der Gäste im Lokal mit einer Hupe erschreckt und selbst gemachte Gedichte verkauft? Was ist mit den Leuten, die sich zum Sex mit Bauar­bei­ter­socken in Clubs in Weißensee treffen? Was ist mit den Leuten, die das Schloss wollen? Die Kreuzung Unter den Linden/Friedrichstraße für eine U-Bahn, die niemand braucht, aufreißen? Was ist mit Pflüger?

Ich habe vor zehn Jahren einen Mann getroffen, der glaubte, die CIA habe ihm einen Chip in den Kopf gepflanzt. Er war fest davon überzeugt und hatte schon dem Bundeskanzler und Rita Süssmuth geschrieben. Damals dachte ich, dass der Mann eine riesengroße Macke hatte. Heute – nach dem BKA-Datenskandal der Telekom, nach dem 11. September 2001, nach Guantбnamo, nach Schäubles Gesetzgebung – würde ich ihn gern noch mal sprechen.

Foto: wrw/Pixelio 

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