Stadtleben

Anders altern: Spätes Coming-out

Schwulenberatung_Berlin_3_c_Benjamin_PritzkuleitNach 23 Jahren heterosexueller Ehe, samt zwei erwachsenen Töchtern, hat sich Detlef Busch geoutet. Er bezeichnet sich selbst als „Spätzünder und Quereinsteiger“. Schon in den Jahren davor hatten seine Frau und er sich nicht mehr viel zu sagen, er hat viel auswärts gearbeitet. „Die Distanz hat es möglich gemacht, dass sich eine sicher schon vorher vorhandene Neigung durchgesetzt hat“, so Busch. Er könne nur vermuten, dass die Verantwortung für die Kinder ihn davor von diesem Schritt abgehalten hatte. Nach seinem Outing fragten ihn viele, ob er die Ehe nicht nachträglich bereue. „Völliger Unsinn!“, sagt er. „Für mich war es, bis auf die letzten Jahre, eine intensive, tolle Zeit.“

Schon vor dem Outing habe er sich auch mal einen schwulen Porno angeschaut, aber nie das Gefühl gehabt, aus seiner Welt ausbrechen zu müssen. Dabei habe seine Frau ihn manchmal gefragt: „Kannst du dir vorstellen, mit einem Mann zu schlafen?“ Vor einem klaren Ja oder Nein habe er sich dann gedrückt. Einmal sagte er seiner Frau auf die Frage „Bist du schwul?“ aber wirklich „Ja“. Stille, keine Erklärung. Die Kinder erfuhren es am nächsten Tag, die Töchter sagten: „Mama, nimm es an!“ Busch war erleichtert. Seine Freude trübt aber bis heute, dass er weiß, seiner Exfrau sehr wehgetan zu haben. Vier Jahre hat es gedauert, bis die beiden wieder miteinander reden konnten.

Die Berliner Schwulenberatung bietet seit über 30 Jahren Coming-out-Gruppen an. Früher waren die meisten Teilnehmer in ihren 20ern, heute ist der älteste 60. Kein Einzelfall, es kommen verstärkt ältere. Doch in der Szene liegt, wie auch andernorts, das Augenmerk auf Jugendlichkeit, dem Schönheitsideal des Mainstreams. Wann sieht man mal ein schwules Rentnerpaar? Und doch, natürlich gibt es sie reichlich in Berlin. Vielen, die mit dem Paragrafen 175 aufgewachsen sind, der Homosexualität für illegal erklärt hatte, sitzt bis heute die Angst im Nacken, entdeckt zu werden. Selbst in Berlin gibt es nur wenige Treffs für ältere Schwule und Lesben. In vielen Szene-Locations sind sie selbst Außenseiter. Und dort, wo anonymer Sex stattfindet, gibt es kein wirkliches Kennenlernen. Ältere, die ein Leben lang symbiotisch mit einem Partner verbracht haben, der dann stirbt, tun sich schwer, wieder Anschluss zu finden.

Schwulenberatung_Berlin_4_c_Benjamin_PritzkuleitDie größte Gefahr des Alterns ist es, sich zu isolieren. Die Berliner Schwulenberatung steuert dem mit ihrem Netzwerk Anders Altern (NAA) entgegen. Marco Pulver und sein Team organisieren seit zehn Jahren ein reiches Angebot von Freizeitaktivitäten für ältere Schwule: einen wöchentlichen Gesprächskreis, einen ehrenamtlichen ­Besuchsdienst, zwei Theatertruppen und eine persönliche Bera­tung. Ein jährliches Highlight des Netzwerks ist seit 2008 das Mode-­Theater „Gay not Grey“ (siehe Foto). Ursprünglich war es als abgedreht schräge Fashion-Show konzipiert, bei der schwule Männer mit erhobenem Haupt Mode von Berliner Labels präsentieren und somit Sichtbarkeit auch auf die Bühne bringen. Das älteste Model ist diesmal 87. Unter der Regie von Tobias Hotzkow geht es um Klischees. Der 19-jährige angehende Student für Soziale Arbeit und Praktikant der Schwulenberatung hat zusammen mit den Spielern ein Stück choreografiert, bei dem es darum geht, Vorurteile gegenüber dem Alt- und überhaupt dem Anderssein zu entlarven. Mit Emanzipa­tionseffekt.

Detlef Busch hat Kostüme fürs Event entworfen, spielt auch selbst mit – wie Burkhard da Costa (Foto links), seit acht Jahren schwul verheiratet und Deutschlands erster offiziell geouteter Polizist. Für da Costa war das Coming-out 1991 auch eine politische Entscheidung. Wegen verstärkter Gewalt gegen Schwule und Lesben hatte der rot-grüne Senat damals bei der Polizei einen „Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen“ angefordert. Der war allerdings selbst heterosexuell. Da Costa bot ihm seine Unterstützung an, outete sich zur Überraschung vieler und wurde sein Vertreter. Schlagartig wurde da Costa klar, dass sein Schritt schwulenpolitisch etwas bewegen kann: Ja, es gibt auch Schwule und Lesben bei der Polizei. Später taten es ihm andere gleich, auch bei der Feuerwehr und in der Bundeswehr. Die Reaktionen waren übrigens ausnahmslos positiv, selbst bei seinen heterosexuellen Biker-Kumpels. Bei „Gay not Grey“ sind ihm die Proben mindestens so wichtig wie die eigentliche Aufführung: Er mag den „bunt gemischten Haufen“, wie er sagt, „vom schärfsten Leder-Macker bis zur drolligsten Tunte im besten Sinn“.

Schwulenberatung_Berlin_8_c_Benjamin_PritzkuleitSeit einem Jahr gibt es bei der Schwulenberatung in Charlottenburg auch ein Wohnprojekt für 35 Mieter: ein Ort, an dem das Schwulsein mit keinem Fragezeichen versehen ist. Die Bewohner finden es befreiend, mit anderen in einem Haus zu leben, mit denen sie sich ganz entspannt über ihr Leben austauschen können. Horst Hartwig (Foto rechts), der dort wohnt und sich auch am Gesprächskreis beteiligt, könnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, bei der „Gay not Grey“-Show auf der Bühne zu stehen, aber er sitzt mit Freude im Publikum. Hartwig, Fan von Mozart und Tennessee Williams, kam 1963 nach Berlin. Mit Peter, der Liebe seines Lebens, war er zehn Jahre lang ein Paar. Er empfindet sich als geoutet: „Leute, die es wissen müssen, wissen es, aber ich laufe nicht mit einem Schild um den Hals durch die Stadt.“ Er bedauert es aber, nie mit seinen Eltern über sein Schwulsein ­gesprochen zu haben, obwohl er glaubt, dass sie sich das ir­gendwie gedacht haben. Einmal mussten sie in Westdeutschland Hartwig auf einem Polizei-Foto identifizieren. Das war bei einer Razzia am schwulen Cruising-Treff Teufelssee aufgenommen worden. Ernste Konsequenzen hatte das seines Wissens nicht, auch nicht beim Arbeitgeber. Ob er zum CSD gehen mag? „Wenn es meinen Beinen gut geht, werde ich ein Stück mitlaufen. Aber auf den Wagen kriegt mich da keiner mehr!“

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Benjamin Pritzkuleit

CSD Parade „Schluss mit Sonntagsreden“
Sa 22. Juni, 12–18 Uhr, Kurfürstendamm (Ecke Joachimstaler Straße) – Wittenbergplatz – Nollendorfplatz – Lützowplatz – Großer Stern – Straße des 17. Juni – Brandenburger Tor

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