Stadtleben

VIP-Partys

Sie sind arbeitsloser Schauspieler und brauchen dringend PR? Sind darauf spezialisiert, sich an wechselnden Buffets kos­ten­sparend satt zu essen, oder verdienen sich ein Zubrot mit dem eBay-Verkauf von Giveaways (Wun­dertüten für Prominente,  gefüllt mit Produktgeschenken, die auf speziellen Events ausgegeben werden)?  Nein? Dann kann ich Ihnen mitteilen, dass der Besuch einer VIP-Party für den Rest der Menschheit vor allem eines ist: anstrengend.

Oft geht es so zu, wie letztens bei der Aftershowparty des Modedesigners Michalsky im Puro.

Prominente Menschen (Min Khai, Udo Kier) sowie Leute, die Prominenz vortäuschen (der Rest), warten vorm Europa-Center. In Abendrobe beobachte ich meine Kollegin, die seit zehn Minuten am Gäste-Schalter diskutiert: „… Auf jeden Fall stehe ich plus eins auf der Liste! Frau H. hat mir das per E-Mail bestätigt.“ Pressefrau: „Ich kann aber nichts finden.“ Kollegin: „Dann schauen sie noch mal.“ Die Schlange staut sich hinter uns. Angesichts der Schmach, vor aller Augen abgewiesen zu werden, erwähne ich beiläufig: „Wir stehn übrigens im Cookies auf der Lis­te.“

Der Kollegin ist das wurscht. Nach kurzem Eklat mit der Lis­ten­verwalterin wechseln wir zum Counter ne­ben­an. Dann ruft sie „Servus“ – Bussi links, Bussi rechts –, und wir werden von einer wichtigen Person mit ca. 40 Listen unterm Arm durchgewunken. Mit dem Fahrstuhl geht’s in die 20. Etage.

Die Türen öffnen sich, der Blick wird freigegeben auf ausnahmslos geschmackvolle Garderobe – darin steckend Schau­­spieler, Fashionexperten und andere Hochstapler (die zwei alten Säcke in der Ecke, Kettenraucher mit speckigem Haar, sind von der Presse). Champagner wird mir inmitten einer Rotte dürrer Models mit römischen Gesichtsprofilen eingeschenkt. Mit der freien Hand greife ich beim Fingerfood zu – Minischnitzel.

Kauend, mit vollen Backen bemerke ich, wie jemand seinen  Unterleib und damit verbundene Geschlechtsmerkmale an mein Ge­­säß drückt. Verdutzt dreh ich mich um: „Ach du bist’s – Bussi, Bussi.“

Der homosexuelle Pressekollege hat ein Späßchen gewagt. „Sieh mal, da kommt der Stuck­rad-Barre.“ Mit dem Schnitzelrest weise ich auf den Erwähnten, darauf der Kollege: „Ach! Der Mann der mich verklagte!“ „Hä?“ Präziser wird die Frage nicht mehr. Jemand mit vorm Bauch baumelndem Fotoapparat brüllt mir ins Ohr: „Ich habe Sie fotografiert – Sie sind doch Jea­nette Biedermann!“ Ausgerechnet. Beleidigt verlasse ich das Szenario,  bahne  mir den Weg zur Tanzfläche.

Neben dem DJ-Pult tanzt der Gastgeber sowie Mousse T. zu kompromisslosem Techno. Den Typ da drüben kenn ich auch – Martin. Wir waren Arbeitskollegen. Als Gogotanzkraft gabs’ 350 Mark Gage pro Diskotanz im 90 Grad. 16 Jahre später gilt der Euro, und niemand mehr würde auch nur einen Cent in unsere Tanzeinlagen  investieren.  

Der Finanzausfall ist zu verkraften, schließlich braucht man als Teilnehmer eines VIP-Events kein Geld. Schampus, Zigaretten, Häppchen gibt es gratis – und sind am besten als Entschädigung für hier verbrachte Stunden zu verstehen, wie gesagt, der Besuch einer VIP- Party ist vor allem eines: anstrengend.

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