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Volksbegehren Tempelhofer Feld: Wir sagen mal Ja zum Beton

Flughafen_Tempelhof_c_HarrySchnitger“Lobbykacke!“ Das ruft uns ein dünner Herr mit grauen Haaren zu, als er mit dem Fahrrad vorbeirast. Vorbei an uns. Und unserem Plakat: “Feld bebauen – jetzt!“ Der Mann will offenbar keine 5000 neuen Wohnungen in Berlin. Selbst schuld. Es ist ein strahlender Sonntag im Herbst, viele Menschen gehen vom Neuköllner Schillerkiez auf das Tempelhofer Feld. Am schmalen Tor stehen wir. Ein Journalist, seine Begleiterin, eine Unterschriftenliste und ein Banner, das ein befreundeter Grafiker gemacht hat: “Neue Landesbibliothek. 5000 neue Wohnungen.“

So, wie es der Senat vorhat mit dem ehemaligen Flughafenareal. Dagegen will die Initiative 100?% Tempelhofer Feld bis zum Januar 174?000 Unterschriften für ein Volksbegehren gegen jegliche Bebauung am Feld sammeln. Dabei versicherte doch die stadteigene GmbH Tempelhofer Projekt per Pressemitteilung, der Senatsbauplan setze nur “Bürgerwünsche“ um.

Wir sind heute hier, die Bürger zu diesen Wünschen zu suchen. Ein paar Meter weiter steht eine Frau, die Unterschriften für das Volksbegehren sammelt. Gegen die Bebauung. Gegen uns. Sie guckt ein paarmal zu uns rüber. Was die wohl denkt?

Und die Bürger kommen. Mit Kinderwagen, Fahrrädern und Drachen. Viele lächeln, bieten gleich Unterschriften für unsere Liste an. Der schnelle Erfolg überrascht uns. Wir erklären nochmals unser Anliegen. Das ändert alles.“Waaaas?“ Ihr seid für die Bebauung? Nicht dagegen?“

Dabei haben wir uns extra knallrot angezogen, um uns von den limettenfarbenen Jacken unserer Gegner abzuheben. Nun aber trifft uns die geballte Verachtung der Bürger. “Nein, danke!“ – “Das will ich nicht!“ – “Tschüss!“ Eine Dame mit Filzhut wütet gar: “Leuten wie Ihnen würde ich am liebsten eine runterhauen!“ Dann schimpft sie noch über den “Schwachsinn“ der “Investoren“. Immerhin siezt sie uns.

flughafen_tempelhof_benjamin_pritzkuleitDie Frau von der Bürgerinitiative nebenan ist sehr freundlich. Sobald die Menschen sich entsetzt von uns abwenden, läuft sie ihnen hinterher und gibt ihnen die Gegenliste. Ihre Kollegin dagegen beschimpft uns: “Wer bezahlt euch denn?“

Aber so schnell geben wir nicht auf. Wir sind schließlich argumentativ voll auf Senatsebene. “Höchstens 15 Prozent des Feldes sollen bebaut werden“, erkläre ich einem Inlineskater, „da wird es immer noch eine riesige Freifläche in der Mitte geben!“ Zum Skaten braucht man doch nicht ganze 355 Hektar, oder? “Neue Wohnungen werden den Markt entlasten“, predigt meine Kollegin kurz darauf zwei jungen Männern. Und den nächsten Passanten versichere ich, als wäre ich Michael Müller persönlich: “Es sollen nicht nur Luxuswohnungen entstehen! Auf der Tempelhofer Seite wird auch bezahlbarer Wohnraum gebaut!“ Die Leute gucken kurzzeitig interessierter. Bis wir zugeben, dass “bezahlbar“ eine Kaltmiete von sechs bis acht Euro pro Quadratmeter bedeutet. Wir können ja auch nichts dafür.

“Das kann man nur bezahlen, wenn man sich auf zwei Quadratmeter zusammenquetscht!“, sagt ein Fahrradfahrer. “Sozialbauwohnungen in öffentlicher Hand wären gut“, grübelt ein junger Mann, der ein bisschen bekifft wirkt. Andere schimpfen: “Berlin hat schon genug leer stehende Wohnungen!“ Oder: “Es gibt genug Fläche für Neubau, wenn sie überall neue Baumärkte errichten können.“

Eine Stunde und einige Beleidigungen später geben wir auf. Unsere Bilanz: keine einzige Unterschrift für mehr Wohnungen. Die Ausbeute der Volksbehren-Frau in dieser Zeit: 30.

Text: John Riceburg

Foto: Harry Schnitger (oben), Benjamin Pritzkuleit (Mitte)

Volksbegehren Tempelhofer Feld, Infos unter: www.thf100.de

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