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Vom Kiffen zum Kokain: eine anonyme ?Usergeschichte aus Berlin

eimern_tip_berlinIch weiß noch, am Ende der siebten Klasse, da hatten wir eine Klassenfahrt, und da hatte ich dann schon was für 150 Mark geholt, da haben wir gekifft wie blöde. Und irgendwann wurde es grauenhaft, wenn ich nachts stoned im Bett lag, da kam die ganze unterbewusste Scheiße hoch und die Gedanken liefen Amok. Aufgehört hab ich dann, während ich fürs Abitur gelernt habe. Im Nachhinein betrachtet, habe ich aber eigentlich nur ein Mittel mit einem tendenziell härteren substituiert.

Ich wollte nicht mehr in mich gehen, und da war das Kokain schon eine praktische Sache. Beim ersten Mal haben wir in einer Telefonzelle ein paar Amateurpeitschen gelegt. Ich hab mir dann aber ziemlich schnell auch regelmäßig was gekauft. Ich wollte zumindest immer was im Haus haben, und für die nötige Kohle haben wir damals viel Scheiße gebaut. Bald hab ich gemerkt, dass sich Koks doch recht gut mit dem Alltag verträgt, und dann hab ich das auch zum Lernen verwendet, erst im Abitur und dann auch, als ich zum Studieren nach Heidelberg bin.

Na ja, und zum Feiern natürlich. Man lernt das schon zu schätzen, man trinkt und plaudert über Gott und die Welt, die Hochs, die ich da hatte, das waren nicht die Drogen allein, es kommt immer darauf an, mit wem man das nimmt, Kokain modelliert etwas heraus, das man schon in sich trägt. Wenn Idioten Drogen nehmen, kommt auch wenig bei rum.

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Und dann hab ich irgendwann meine Freundin kennengelernt. Die war jetzt auch kein Kind von Traurigkeit, hatte aber doch eine gewisse Vernunft drauf, die mir damals abging. Die hat dann darauf hingewirkt, dass das alles in normalere Bahnen kam.

Als ich nach Berlin zurückging, habe ich wieder angefangen. Weil ich zunächst dachte, solange ich in meinem Studium Erfolge einfahre, ist das legitim. Aber es hat mich emotional bald völlig abgestumpft. Ich glaubte zum Beispiel, ich könnte es handlen, mehrere Freundinnen gleichzeitig zu haben, sowohl moralisch als auch vom Pragmatischen her. Wenn man mal merkt, dass man es nicht mehr im Griff hat, nun, dann kann man auch dieses Bewusstsein mit der Droge betäuben. Später hab ich dann eine Depression entwickelt.

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Inzwischen hab ich aufgehört und mache eine Therapie, um endlich anzugehen, was da so schiefgelaufen ist bei mir. Ich hab Kokain über eine Zeit von fast zehn Jahren konsumiert, in Hochphasen täglich, in gemäßigten Phasen ein, zwei Mal die Woche. Und wenn man mal aufhört, ist es ja nicht so, als hätte man völlig damit aufgehört. Die Gefahr, dass man wieder anfängt, die ist eigentlich immer da.

Aufgezeichnet von Christoph David Piorkowski

Foto: tip Berlin

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