Stadtleben

Von allen Seiten: Lehmanns Brüder

Die meisten guten Torleute hatten lange weitaus mehr an der Waffel als die Linksaußen. Die Autobiografie von Jens Lehmann, gerade erschienen, heißt denn auch zwar etwas kryptisch, aber nicht zufällig: „Der Wahnsinn liegt auf dem Platz“. In England, bei Arsenal London, nannte man ihn „Mad Jens“. Eigene Fehler waren für ihn stets nur: dumm gelaufen. Großtaten: normal. Bei Oliver Kahn war es genau umgekehrt. Schreibt Lehmann.
Man braucht dafür nicht unbedingt die Bücher von Lehmanns Vorgängern. Aber es hilft der These. Sepp Maier („Ich bin doch kein Tor“) warf wassergefüllte Präservative auf Mitspieler. Wenn ein Schiedsrichter nicht seiner Meinung war, hatte er „Mord im Blick“. Sein nach seinem Autounfall angeschwollenes Geschlechtsteil verglich er mit einer Bratwurst. Uli Stein („Halbzeit“) zimmerte der „Kobra“ Wegmann nach einem Gegentor mal eben eine rein. Er hieß Andy Möller einen Lügner (kann man machen) und Lothar Matthäus einen opportunistischen Schwätzer (dito). Toni Schumacher („Anpfiff“) mochte bezüglich seines erbitterten Konkurrenten Stein „keine Zeile an diese Type verschwenden“. Er setzte bei seinem 1982er Hüftcheck gegen den Franzosen Battiston das Wort „Foul“ konsequent in Anführungsstriche (Lehmann verteidigte ihn in seinem Buch für diese Brachialaktion übrigens). Sowohl in der Nationalmannschaft als auch beim 1. FC Köln wurde er gefeuert, weil er sich im Buch näher über das Thema Doping im Fußball ausließ, als es dem DFB lieb war. Oliver Kahn erklärte in seinem bereits zweiten Werk „Ich. Erfolg kommt von innen“ seine Ausraster damit, da habe er seine Rollen „etwas intensiver ausgelebt.“
Es ist eben so. Torhüter sind Einzelkämpfer.  Der größte Feind ist der Ersatztorwart. Der Tunnelblick hört beim Buchschreiben nicht auf. Wahrscheinlich vergeht er nie.
Mit Lehmann, bis zuletzt der modernste deutsche Keeper, geht einer der letzten Irren seines Fachs. Tim Wiese darf nicht ins Nationaltor. Dort steht der nette Manuel Neuer. Der kann das Wort „ich“ nicht. Er sagt dafür ständig „man“. Nicht mal den Wiese beschimpft er.
Das wird ein langweiliges Buch. 

(erschienen im tip 13/2010)

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