Stadtleben

Vor Anbruch der Nüchternheit

Wenn man die Abende nicht mehr sinnlos bei seltsamen Theaterveranstaltungen vertrödeln muss, hat man endlich Zeit, die Abende sinnlos mit der Lektüre seltsamer Bücher zu vertrödeln. Zum Beispiel mit den Reiseaufzeichnungen, theologischen Abschweifungen und Grübeleien „vor Anbruch der Nüchternheit“, die der nicht genug zu preisende Thomas Kapielski in seinem jetzt bei Suhrkamp vorgelegten Brevier der Lebenskunst unter dem Titel „Neue Sezessionistische Heizkörperverkleidungen“ einer erstaunten Mitwelt zum Pläsier vorlegt. Auf Kapielskis allergische Reaktionen ist Verlass wie auf sein Feingefühl, etwa wenn er die Phrasen, die die öffentliche Rede vermüllen, in ihre wahre Bedeutung übersetzt. Wer „Selbstverwirklichung“ sagt, meint, so Kapielski, nur den eigenen Egoismus, wer die „freie Entfaltung“ feiert, meint die Rücksichtslosigkeit. Wird etwas als „qualitativ hochwertig“ beworben, weiß Kapielski, dass es sich nur um Schund handeln kann. Die Rede von der „befreiten Körpersprache“ meint nichts anderes als Hysterie, und „Catering“ übersetzt Kapielski treffend mit „Kotzering“. Wer wollte ihm da widersprechen? Ich jedenfalls nicht.
Ein paar Zeilen weiter widmet er sich der Betrachtung der „vom Biofutter geschwächten“ Tresenkräfte eines „modischen Münchener Kaffeegetueladens“. Kapielski diagnostiziert, dass es sich beim Personal wahrscheinlich um „biestige Vegetarier“ handelt, „folglich träg, reflexarm, von mangelnder Übersicht, schlaff und anämisch“. Wie gesagt, auf Kapielskis allergische Reaktionen ist Verlass. Und so immer weiter, über herrliche 214 Seiten. Thomas Kapielski, so ein feiner Mensch.

Thomas Kapielski: Neue Sezessionistische Heizkörperverkleidungen
edition suhrkamp, 214 Seiten, 14 Ђ

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