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Wedding: Schöne Kieze und spannende Ecken im grauen Stadtteil

Der Wedding ist im Kommen, zumindest ist das ein gern genutzter Satz von Miethaien und Wohngesellschaften. Während diese auf einen Zauber warten, der Spätis und Wettbüros in Craftbeershops und Cafés verwandelt, fragen sich die Menschen im Wedding, ob das überhaupt nötig ist. Sie wissen es besser, die schönen Kieze im Wedding bieten ihnen so schon genug. Wedding braucht keinen Wandel, tief in den Asphaltwüsten verbergen sich Naturoasen und zwischen ramponierten Betonblocks architektonische Meisterleistungen. Wir zeigen euch schöne Kieze und spannende Ecken im Wedding.


Nettelbeckplatz: Gemütlicher Treffpunkt

Der Nettelbeckplatz am S-Bahnhof Wedding gehört mehr und mehr zu den beliebten Plätzen in Berlin. Foto: Imago/Joko

Ein aufpoliertes Großstadtidyll ist der Nettelbeckplatz nicht, eher rotzig romantisch. Günstige Cafés, preiswerte Take-away-Snacks und Wiesen- und Baumsprenkel hier und da machen ihn zum perfekten Ziel für erste Dates und auch unverfänglichere Treffen abseits überfüllter Parks. Falls es euch dann doch in so einem ziehen sollte, befindet sich in der Nähe der Volkspark Humboldthain. Braucht es hingegen einen Absacker, könnt ihr in den Magendoktor, eine der beliebtesten 24-Stunden-Kneipen Berlins.

Ein Manko der schönen Gegend im Wedding: Der Nettelbeckplatz ist, zumindest namentlich, vorbelastet. Namensgeber Joachim Christian Nettelbeck (1738-1824), ein preußischer Seefahrer, war eine Zeit Kapitän eines niederländischen Sklavenschiffes, ergo beteiligte er sich am Sklavenhandel und am europäischen Kolonialismus. Obgleich er sich lange danach davon distanzierte, relativierte er seine Tätigkeit auch als historische Gegebenheit.

  • Nettelbeckplatz Angrenzende Straßen: Reinickendorfer Straße, Pankstraße, Lindower Straße, Wedding

Brüsseler Kiez: Wissen trifft auf Wohnblocks

Schöne Kieze im Wedding: Der Brüsseler Kiez wird durch den Zeppelinplatz zusätzlich aufgewertet. Foto: Fridolin Freudenfett
Schöne Kieze im Wedding: Der Brüsseler Kiez wird durch den Zeppelinplatz zusätzlich aufgewertet. Foto: Fridolin Freudenfett

Es mag schräg erscheinen, das doch recht rustikale Belgische Viertel in Wedding als schön zu bezeichnen. Mit dem Böhmischen Viertel in Neukölln kann der Kiez im Wedding nicht mithalten, keine Frage. Doch inmitten der zwischenkriegszeitlichen Altbauten findet ihr dort schöne Kneipen, eine Vagabund-Brauerei, die Hochschule für Technik sowie den Wochenmarkt in der Genter Straße. Auch die Grünfläche auf dem Zeppelinplatz, die vor wenigen Jahren radikal aufgehübscht wurde, bricht mit dem urigen Kiezbild.

Davon abgesehen gibt es dort noch das Anti-Kriegsmuseum, das Virchow-Klinikum, das Robert Koch-Institut und das Institut für Gärungsgewerbe. Gebündelte Wissenschaft im Belgischen Viertel. Es ist die Mischung aus Altbauten, modernisierten Lern- und Forschungseinrichtungen sowie der Kapernaumkirche, ein neoromanischer Sakralbau, der 1902 fertiggestellt wurde, welche den Brüsseler Kiez einzigartig macht.

  • Brüsseler Kiez zwischen Luxemburger Straße und Seestraße, Wedding

Der Pankeweg: Abwechslung rund um das Pankeufer

Vor allem die Bibliothek am Luisenbad in Wedding ist einen Besuch wert. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Er ist herrlich, der Pankeweg. Abwechslungsreich, abseits des Großstadttrubels und deutlich weniger muffig, als das kleine Fließgewässer ausschaut. Das Franzosenbecken ist ein guter Ausgangspunkt für einen Spaziergang. Eigentlich ein Hochwasserauffangbecken, ist es in der Regel gerade unter Hundehalter:innen beliebt. Während sie sich auf den Bänken ausruhen, können sich die Tiere hier austoben.

Folgt man dem Weg Richtung Osloer Straße, landet man in wenigen Minuten an der Bibliothek am Luisenbad, eine der schönsten Büchereien Berlins. Und davon ist es nicht mehr weit zu den Uferhallen, ein denkmalgeschütztes Gebäudeensemble, das einst einem Straßenbahnunternehmen gehörte. Heute treffen sich hier Kulturbegeisterte für Theaterbesuche und Konzerte oder eine Stärkung in einem der angrenzenden Restaurants. Und wenn ihr dann noch Lust habt, könnt ihr dem Pankenweg bis zur Quelle folgen. Bei der Länge von 20 Kilometern solltet ihr dafür jedoch viel Zeit und Ausdauer einplanen.

  • Pankeweg startet am Franzosenbecken (Ecke Wollankstraße), Wedding

Englisches Viertel: So schön ruhig

Der Wedding hat schöne Kieze: Neben den schönen Wohnblocks könnt ihr im Englischen Viertel auch durch den Schillerpark schlendern. Foto: Chris Alban Hansen/CC BY-SA 2.0
Der Wedding hat schöne Kieze: Neben den schönen Wohnblocks könnt ihr im Englischen Viertel auch durch den Schillerpark schlendern. Foto: Chris Alban Hansen/CC BY-SA 2.0

Irgendwie unscheinbar, das Englische Viertel, lassen wir die Irischen, schottischen und englischen Straßennamen außen vor. Eigentlich ist dieser Kiez im Wedding eine reine Wohngegend, insgesamt ist es recht ruhig, vor allem seit der Flughafen Tegel seinen Dienst eingestellt hat. Keine Industrie, keine beindruckende Kaufhäuser, (fast) nur Wohnblocks. Ausreißer sind die BVG-Betriebshöfe und ein großes Frei- und Hallenbad. Seine heimelige Atmosphäre, die auch den typisch niederländischen Backsteinbauten geschuldet ist, macht das Englische Viertel zu etwas Besonderem. Ein Spa unter den Bezirken.

Für naturverliebten Ausgleich sorgt der angrenzende Schillerpark. In der Ecke findet ihr übrigens auch einen Teil des Unesco-Weltkulturerbes: Die Siedlung Schillerpark gehört zu den Wohnsiedlungen der Moderne. Und wenn das nicht reicht: Das Centre Culturel Français, eine der vielen Weddinger Sehenswürdigkeiten, mit seinem Mini-Eiffelturm findet ihr ebenfalls in dem Viertel an der Müllerstraße.

  • Englisches Viertel zwischen Holländerstraße und Müllerstraße (U-Bahn-Station Rehberge), Wedding

Silent Green: Vom Brennofen zum Kulturzentrum

Eine kleine Kulturoase versteckt sich in der Gerichtsstraße in Wedding. Foto: Imagebroker/Schoening

Die Gerichtsstraße ist, berlintypisch, dicht bebaut. Zwischen Hochhausketten gibt es kaum Platz für Grünflächen, und bei einem Spaziergang spürt man förmlich, wie sich der Feinstaub auf die Schneidezähne legt. Und in diesem feuchten Traum konservativer Stadtplaner:innen versteckt sich das Silent Green, ein neoklassizistisches Gebäudeensemble mit überraschend viel Wiese und Tradition. Vor mehr als 100 Jahren wurde das Krematorium errichtet. Bis 2001 war es in Betrieb, kurz vor der Schließung gab es sogar eine Modernisierung. Da die Krematorien in Ruhleben und am Baumschulenweg den Bedarf in Berlin decken, gab das Land Berlin die Weddinger Institution auf.

Lange Zeit stand das Gebäude leer. Erst 2013 gab es das Land an private Träger:innen weiter, die es zum Kulturzentrum umwandelten. Sie ließen Ateliers, Räume für Ausstellungen und Konzerte sowie Büros errichten, ohne die Originalität des Krematoriums zu verletzen. Seit 2015 finden im Silent Green regelmäßig Kulturveranstaltungen statt. Ein Besuch lohnt sich nicht nicht nur für Feingeister, sondern auch für alle, die dem Großstadtwahn entkommen wollen.

  • Silent Green Kulturquartier Gerichtsstraße 37-38, Wedding, weitere Infos findet ihr hier

Osloer Straße: Ganz normaler Wedding-Wahnsinn

Wedding
Wedding, ungeschönt: Das findet ihr an der Osloer Straße. Foto: Imago/Olaf Wagner

Die Station Osloer Straße zeigt ein ungeschminktes Wedding. Auf einer unübersichtlichen Kreuzung hupen sich Autofahrer:innen gegenseitig nieder; Schreiende Kinder und Jugendliche stürmen über meist rote Ampeln; Vor den Kaschemmen sitzen schwadronierende Ur-Berliner:innen. Hektik, Entschleunigung. Ein seit Jahren bestehender Obst- und Gemüsestand mit 23 Stunden-Service, Dönerläden mit wöchentlich wechselnden Namen. Konstanz, Unbeständigkeit. Der hübscheste Bezirk ist das nicht, dafür mitunter der spannendste. Der angrenzende Soldiner Kiez bietet viele Restaurants und Bars, der Pankeweg ist in direkter Reichweite. Ja, die Osloer Straße ist herrlich.

  • U-Bahn-Station Osloer Straße unter anderem erreichbar mit der U8 und U9

Kieze im Wedding: Gutes Essen und Maden im Sprengelkiez

Wedding Sprengelkiez
Die Osterkirche in der Sprengelstraße ist schön anzusehen. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Ebenfalls an der Müllerstraße gelegen bietet der Sprengelkiez einige kulinarische Perlen und darüber hinaus kuriose Orte. Wie schön er sein kann, zeigt das Nordufer des Berlin-Spandauer Schifffahrtkanals. Ruhe und ein Ausblick auf die Tanks und Lagerhäuser des Westhafens, viel mehr ist fürs Seelenwohl nicht nötig. Bei Kubi (Torfstraße 18) bekommt ihr vietnamesische Spezialitäten, bei Cozymazu (Sprengelstraße 33) bekommt ihr hingegen taiwanesisches Essen und exzellenten Tee.

Etwas, sagen wir, besonders wird es beim Madenautomaten des Traditionsladens Angelhaus Koss: Angler:innen können sich hier mit Ködern eindecken, Sensibelchen hingegen den Appetit verderben. Solltet ihr damit nicht zurechtkommen, könnt ihr bei Freya Fuchs die Erinnerungen aus dem Gedächtnis spülen. Natürlich gibt es dort noch mehr zu erleben. Hier findet ihr weitere Tipps für den Sprengekiez.

  • Sprengelkiez zwischen Müllerstraße und Luxemburger Straße (U-Bahn-Station Leopoldplatz), Wedding

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