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Weihnachten und Silvester feiern? Humbug – freunden wir uns damit an

Wir müssen uns mit ein paar bitteren Erkenntnisse anfreunden: Weihnachten als Familienfest steht auf der Kippe, die Weihnachtszeit ist ohnehin schon dahin. Aber auch Silvester sollten wir nicht nur den Raclette-Käse niedrig stapeln: Der Jahreswechsel wird trist, befürchtet Sebastian Scherer. Ein Kommentar.

Der Weihnachtsmann als Superspreader? Bitte nicht. Weihnachten wird trotzdem anders. Foto: Imago Images/Political-Moments

Die Aussichten auf normale Weihnachten sind non-existent

Es sind diese Feinheiten. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel zuletzt über den Lockdown, über die Einschränkungen sprach, sagte sie immer „bis Ende November“. Aber das war kein Versprechen. Sondern ein erster Schritt. Denn, und das ist die Feinheit, was sie auch immer sagte: Die nächsten Monate werden schwer. Nicht Tage, Wochen. Monate.

Just erklärte auch der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), selbst schon Corona hinter sich, er rechne nicht damit, dass wir diesen Winter große Feste feiern werden. Das liegt ungefähr im Trend der anderen derzeit (wieder) heftig getroffenen Länder: Frankreich lässt die Leute eine Stunde am Tag vor die Tür. In Italien wird vor Feiern mit der Großfamilie zu Weihnachten gewarnt.

Und hier? Hier will NRW die Weihnachtsferien etwas nach vorne verlegen, und generell hoffen immer noch alle, dass das schon irgendwie gut geht mit dem Fest, dass wir doch mit Freunden und Familie um den Christbaum tollen, dass wir uns vollfressen und uns anschließend auf die Wampen hauen und über die trotz Sportübungen zuhause leicht aus den Gürtellöchern geratene Lockdown-Figur scherzen.

Einzig: Es ist illusorischer Humbug.

Der Sommer war einfach, der Winter wird es nicht

Als wir im Sommer vergleichsweise wenige Fälle hatten, hatten wir trotzdem immer Restriktionen. Klar, irgendwann waren 50 erlaubt, dann Raves mit Maske und draußen, langsam kam die Freiheit zurück. Aber nie ganz. Stück für Stück, bis der Herbst die falsche Vorstellung, das Schlimmste wäre geschafft, nicht einfach zerstörte, sondern kraftvoll vernichtete.

Nun sind die Zahlen irrsinnig hoch. Man muss gar nicht wissen, ob es nun gerade 15.000 oder 25.000 waren, wo nun gerade Hotspots sind und wo es etwas besser wird. Denn alles in allem ist die Situation: ganz, ganz großer Mist.

Halb besoffen Omma auf Skype „Ho Ho Ho“ entgegen zu lallen hat seinen Charme, ersetzt aber Weihnachten nicht. Foto: Imago Images/ Hans Lucas

Und nun setzt die Logik ein. Die Zahlen können einfach nicht so schnell besser werden, als dass wir in sechs Wochen unbeschwert Weihnachten feiern. Und übrigens auch nicht Silvester. Die meisten Raclettes haben acht Pfannen. Wer nicht in einer Vierer-WG lebt und eine andere Vierer-WG einlädt, kommt schnell in den Bereich des derzeit Unerwünschten: maximal zwei Haushalte, maximal zehn Personen.

Weihnachten trifft die Familien, Silvester die Feierwütigen

Weihnachten, das trifft vor allem die Familien, die Traditionalisten hart, all jene, die viele Menschen haben, mit denen sie in diesen Tagen zusammen sein wollen. Keine Weihnachtsfeiern mit der Firma, keine Weihnachtsmarktrunden mit den Liebsten, keine entspannten Shopping-Touren in der vollen Innenstadt – ja, Shopping ist noch erlaubt, aber macht es wirklich Spaß?

Silvester wird vor allem für die Jungen, die Wilden schwierig. Schon jetzt wird wieder an allen Ecken und Enden illegal gefeiert, weil ein paar Menschen immer noch der Meinung sind, dass es nichts wichtigeres für ihre charakterliche Ausgestaltung gibt als Party.

Optimismus: Im Oktober gab es die Pressekonferenz zum „Christmas Garden“ im Botanischen Garten in Berlin. Inzwischen auch abgesagt. Foto: Imago Images/Future Image

Es lohnt sich schon gar nicht mehr, irgendwem die Schuld zuzuschieben. Gestern waren es die Raver, heute sind es dann doch die Schüler, morgen sind es dann vielleicht die Geschäftsleute, wer weiß das schon.

Keine Schuldzuweisungen – außer an die Dummdenker

Die einzigen, die wir aktiv verurteilen können, sind die unsäglichen Menschen, die sich Querdenker nennen und eigentlich nur Dummdenker sind: Weil sie tanzen und rumspinnen, während die Kliniken an die Belastungsgrenze kommen, Menschen sterben. Und uns alle noch weiter wegführen von dem bisschen, auf das wir uns 2020 noch gefreut haben. Da darf man durchaus wütend werden.

Weihnachten und Silvester werden nicht so unbeschwert, nicht so ausschweifend wie sonst. Menschen, die Angehörige in anderen Ländern haben, werden sie oft nur schwer sehen können. Omas und Opas werden erste Weihnachtsfeste mit ihren Enkeln verpassen, weil die Gefahr groß ist, niemand reisen will – oder sie einfach tot sind, hingerafft von einem Virus, das zumindest kontrollierbar wäre.

A merry Christmas, vor allem aber bitte uns allen: ein Happy New Year.


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