• Stadtleben
  • Welche Berufe sind prestigeträchtiger: Topjob versus Schrottjob

Stadtleben

Welche Berufe sind prestigeträchtiger: Topjob versus Schrottjob

Dennis_KornauUp: Musicaldarsteller
Wer: Dennis Kornau, Stage Entertainment, derzeit im Cast von „Hinterm Horizont“
Aktuelle Rolle: Elmar und Steve in dem Lindenberg-Musical. Außerdem „Swing“ für das komplette männliche Ensemble: Wenn also jemand ausfällt, muss ich einspringen.
Das ist zu tun: Wir müssen eine Stunde vor Vorstellungsbeginn im Theater sein,  werden dann geschminkt, ziehen unsere Kostüme an und wärmen uns auf. Dann beginnt die dreistündige Vorstellung. Am Wochenende spielen wir zweimal. Montags ist frei. Zurzeit gibt es jeden Tag Proben, mal szenische, mal choreografische, mal gesangstechnische. Wenn wir ein Stück neu einstudieren, proben wir Montag bis Samstag von 10 bis 18 Uhr.
Darum mache ich das: Ich habe im Theater des Westens als Koch gearbeitet und da lief zu dem Zeitpunkt „Les Misйrables“. Das fand ich so toll, dass ich beschlossen habe, das auch auszuprobieren. Damals war ich 22.
Das Beste am Job: In verschiedene Rollen zu schlüpfen. Jemand anders zu sein.
Das Schlimmste daran: Die Arbeitszeiten.  Dass man so wenig Zeit für Familie und Freunde hat – weil man eben dann arbeiten muss, wenn die freihaben – und umgekehrt.
So wird man das: Ich habe an der Joop van den Ende Academy eine dreijährige Ausbildung mit einem Diplom in Musical abgeschlossen. Es gibt inzwischen sehr viele staatliche und private Musicalschulen.
Das lernt man da: Neben dem Schauspiel  zum Beispiel Gesangstechniken, Musiktheorie, Musicalgeschichte und Tanzarten wie Ballett, Musicaldance, Stepptanz und Jazz.
So kommt man an Rollen: Um von Auditions zu erfahren, bewerben sich heute viele bei der ZAV, einer Art Künstlerarbeitsvermittlungsagentur. Stage Entertainment schreibt aber zum Beispiel auch auf ihrer Webseite Rollen aus. Dann gibt es noch Internetseiten, die dich gegen Bezahlung über Vorsprechen informieren: Stage Pool zum Beispiel.
Jobaussichten: Die Konkurrenz ist sehr groß. Es kommen immer mehr Musicaldarsteller nach, ohne dass es mehr Rollen geben würde. Bei den Frauen ist es noch schwieriger.


Up: Kommunikations­designerin
Wer: Henrike Ott, selbstständig
Das ist zu tun: Ich kümmere mich ums Corporate Design und ums Corporate Publishing von Unternehmen. Das heißt, ich entwerfe und gestalte Logos, Plakate, Broschüren, Banner, Anzeigen und vieles mehr.
Das Beste am Job: Besonders genieße ich meine Selbstständigkeit, die ich seit einigen Monaten habe. Und: Wenn ich meine Entwürfe präsentiere und es geschafft habe, genau das umzusetzen, was sich der Kunde vorgestellt hat, ist das ein schönes Gefühl.
Das Schlimmste daran: Der Markt in Berlin ist ziemlich kaputt. Jeder hat heutzutage ein Grafikprogramm und denkt, er könnte Desig­ner spielen. Es gibt viele Billiganbieter, deren Fähigkeiten echt zu wünschen lassen. Leider erkennen das viele Laien nicht. Das führt dann dazu, dass ich mich für die Preise, die ich verlange, rechtfertigen muss.
Das kommt dabei rum:  Je nachdem, ob man in einer Agentur arbeitet oder selbstständig ist, brutto zwischen 1?500 und 3?500 Euro. Am lukrativsten ist es, als Freelancer in einer Agentur beschäftigt zu sein. Oder man eignet sich Spezialwissen an, wie bei App-Designern. Die verdienen wohl noch mal mehr.
So wird man das: Viele machen erst eine Ausbildung zum Mediengestalter, um das technische Know-how zu lernen, und hängen dann ein Kommunikationsdesign-Studium dran. Dann kennt man sowohl die operative als auch die strategische Perspektive. Es gibt aber auch einige Quereinsteiger.
Jobperspektiven: Soweit ich weiß, hat jeder meiner Kommilitonen einen Job bekommen, – obwohl der Markt ziemlich überfüllt ist.  
Karriereaussichten:
Die Branche hat eine ziemlich hohe Fluktuation. Wer sich hocharbeiten will – vom Junior zum Senior bis zum Creative Director –, der sollte öfter die Agentur wechseln. Man bewirbt sich nämlich in der Regel für den nächsthöheren Posten.

Down: Kanalarbeiterin
Wer: Lisa
Käpernick, ausgelernte Facharbeiterin für Rohr-, Kanal- und Industrieservice bei den Berliner Wasserbetrieben – übrigens die einzige Frau, die diese männerdominierte Ausbildung in Berlin absolviert hat
Das
ist zu tun:
Ganz grob gesagt: die Inspektion und Kontrolle des Berliner
Abwassernetzes, die Reinigung und Reparatur von Schäden an Rohren und Leitungen und die Analyse von Wasserproben.  Man steht dabei aber nicht knietief im Dreck. Und auch den Geruch darf man sich nicht so vorstellen wie auf der Toilette, zumal sich ja auch gute Gerüche, zum Beispiel aus der Dusche, ins Abwasser mischen.
Darum mache ich das: Meine Mutter hat mich mit 18 Jahren zum Tag der offenen Tür bei den Berliner Wasserbetrieben geschickt. Dort wurde ich direkt von der
Frauenbeauftragten angesprochen. Es passt einfach, ich arbeite gerne draußen und mache mir auch gerne mal die Hände schmutzig. Und ich will zeigen, dass man auch als 1,58 Meter kleine Frau diesen Job ausüben kann!
Das Beste am Job: Die berufliche Sicherheit. Theoretisch kann man sehr lange dabei bleiben, vom jungen bis ins hohe Alter.
Das Schlimmste daran: Dass ich bei der Arbeit keine Mädchengespräche führen kann, hier sind ja nur Männer! (lacht).
Das
kommt dabei rum:
Auszubildende bekommen im ersten Lehrjahr 793,26, im
zweiten 843,20 und im dritten 889,02 Euro. Als ausgelernte Kraft kann man dann deutlich mehr verdienen.
So wird man das: www.ausbildung.bwb.de.

Tatortreiniger

Down: Tatortreiniger
Wer: Christian Heistermann, Gebäudereiniger  mit Spezialisierung auf Tatortreinigung, HSG Heistermann Gebäudeservice
Das ist zu tun:  Bei einer Tatortreinigung entfernen wir Blutflecken oder entsorgen auch das Bett, in dem die Person gestorben ist. Wichtig: Schutzkleidung und professionelle Reinigungsgeräte, vom Dampfextraktionsgerät bis zum Hochdruckreiniger. Man muss auch mal ein offenes Ohr für die Hinterbliebenen haben.
Darum mache ich das: Tatortreinigungen gehörten schon immer zu meinen Aufträgen. Im Jahr 2007 kam dann mein Geselle auf die Idee, dass man sich doch darauf spezialisieren könnte. In Amerika war diese Berufsbezeichnung gängig, in Deutschland aber noch gar nicht. So haben wir, ohne überheblich klingen zu wollen, den Begriff des Tatortreinigers in Deutschland etabliert. Über meine neue Homepage kamen auch direkt sehr viele Anfragen, auch von den Medien. Das hat mich schon etwas überrumpelt.
Über die Serie „Der Tatortreiniger“ (NDR): Der Schauspieler Bjarne Mädel hat sich vor den Dreharbeiten mit mir getroffen, um sich über meinen Berufsalltag zu informieren.
Das Beste am Job: Speziell bei der Tatortreinigung nimmt man den Leuten eine schwere Last ab, denn nicht jeder kann die Blutlache eines Verstorbenen selbst wegwischen.
Das Schlimmste daran: Die Vorurteile der anderen Leute. Und: Man muss lernen, mit dem Ekel umzugehen und das Gesehene auch emotional zu verarbeiten.
Das kommt dabei rum: Für Azubis gibt es einen einheitlichen Tarifvertrag, im ersten Lehrjahr bekommen sie 595 Euro, im dritten Jahr 850 Euro. Nach der Ausbildung und als Meister sind aber dann zwischen 4?000 und 5?000 Euro brutto schon drin.
So wird man das: Die Ausbildung zum Gebäudereiniger ist in der Regel betrieblich, man bewirbt sich direkt beim Unternehmen. Auch wir nehmen jedes Jahr fünf Azubis. Zum Tatortreiniger gibt es noch keine staatlich anerkannte Ausbildung, man kann bei uns aber eine Zusatzqualifikation erwerben (www.heistermann.de).
Jobaussichten: Bei uns in der Branche werden händeringend Azubis gesucht. Der Schulabschluss ist für uns eher sekundär.  

Up: Digital und Social Media Berater
Wer: Adrian Rosenthal, Head of Digital and Social Media bei der PR-Beratung MSL Germany
Das ist zu tun: Im Wesentlichen helfe ich Firmen, effektiv via digitaler Kommunikationskanäle mit ihren Zielgruppen zu kommunizieren. Außerdem entwickele ich neue Formen der digitalen Zusammenarbeit wie Crowdfunding, Crowdsourcing oder Co-Creation. Community Management – Interaktion von Unternehmen über Accounts in sozialen Netzwerken – ist ein weiterer Bestandteil. Relativ neu sind Storytelling-Strategien. Man versucht, den Markenkern eines Unternehmens als Geschichte aufzubereiten, die man im Social Web so wunderbar erzählen kann.
Darum mache ich das: Das Internet hat mich schon immer sehr fasziniert, obwohl ich Politik, Amerikanistik und Journalismus studiert habe. Ich hatte aber einen Nebenjob bei Google. Dabei habe ich im Netz so viel Spannendes entdeckt, dass ich beschlossen habe, beruflich in die Richtung zu gehen.  
Größte Schwierigkeit: Die Real-Time-Kommunikation im Netz birgt natürlich Gefahren. Man neigt beispielsweise dazu, unüberlegt zu twittern. Oder man vergisst, den Account zu switchen, was im schlimmsten Fall einen Shitstorm auslösen kann.
Das kommt rum: brutto 50-70?000 Euro/Jahr
So wird man das: Momentan gibt es noch viele Quereinsteiger, weil Studiengänge, zum Beispiel für digitale Kommunikation, erst nach und nach eingerichtet werden. Ich selbst habe bei einer PR-Agentur mein Traineeship im Bereich Digital gemacht.
Jobaussichten: Die Branche ist noch sehr neu und ziemlich dynamisch. Sowohl Unternehmen als auch Agenturen suchen Leute.

Down: Schädlingsbekämpfer
Wer: Michael Hermann, IHK-geprüfter Schädlingsbekämpfer, promovierter Biologe, seit knapp neun Jahren mit eigener Firma
Darum mache ich das: Ich habe eine Ausbildung zum Gärtner gemacht, anschließend Biologie studiert und auch promoviert. Danach habe ich sieben Jahre im pharmazeutischen Außendienst gearbeitet. Durch einen Zeitungsartikel bin ich auf den Beruf des Schädlingsbekämpfers aufmerksam geworden. Da hatte ich schon drei Kinder, habe mich aber entschieden, ins kalte Wasser zu springen und ein Praktikum und danach eine Ausbildung gemacht.
Das ist zu tun: Oft kann ich bei einem Anruf die Kunden beruhigen oder ihnen Tipps zur Selbsthilfe geben. Aber teilweise stehen die Leute aus Angst oder Ekel unter großem Druck, dann müssen wir sofort hinfahren. Je nach Einsatzort arbeiten wir mit Insektiziden, Fallen oder Fraßködern.
Das Beste am Job: Dass man über sich und die Umwelt ganz viel lernen und auch Rückschlüsse über sich selber ziehen kann. Der Beruf ist meist wirklich toll und vielseitig.
Das Schlimmste daran: Teilweise dringen wir bei der Arbeit in Bereiche ein, wo sonst niemand hinguckt. Die Schicksale und die Verwahrlosung  gehen mir an die Nieren.
Größtes Berufsrisiko: Ratten können aus dem Stand sehr hoch springen. Wer gebissen wird, muss ins Krankenhaus.
So wird man das: Dreijährige, betriebliche Ausbildung. Infos gibt die IHK Berlin. Auch wir bilden aus (www.dr-hermann-berlin.de).

Up: Eventmanager
Wer
: Johannes Wiedemann, Veranstaltungskaufmann bei der BESL Eventagentur
Das ist zu tun: Ich kümmere mich um Location, Technik, Equipment, Personal, Catering, Deko. Dazu kommen Sicherheitsvorkehrungen, Fluchtwege müssen eingeplant werden. Die GEMA-Genehmigung muss auch eingeholt werden. Ich habe für Kunden zudem oft eine Art Beraterfunktion. Sie sagen, welche Absicht sie mit der Veranstaltung verfolgen, und ich helfe ihnen, dafür ein Konzept zu entwickeln.
Darum mache ich das: Ich habe während meines VWL- und Politik-Studiums ehrenamtlich in einem Kulturzentrum Festivals und Konzerte mitorganisiert. Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich mein Studium für eine Ausbildung abgebrochen habe.
Das Beste am Job: Der Job ist einfach total vielseitig. Man kann Konzerte, Partys, Messen oder sonstige Veranstaltungen planen. Man kann aber auch einen Equipment-Verleih gründen oder Locations vermieten.
Das Schlimmste daran: Manchmal ist es frustrierend, wenn Ideen, die man monatelang geplant hat, an kleinen Details scheitern. Wenn etwa am Tag eines Events im 8. Stock die Fahrstühle kaputtgehen.
Das kommt dabei rum: Im Schnitt verdient man zwischen 1?500 und 2?500 Euro brutto. In Berlin ist der Markt  ziemlich überlaufen, was einen Niedrigpreiskampf ausgelöst hat.

Down: Bestatter
Wer:
Stephan Hadraschek, Berater, Trauerbegleiter und Referent für Öffentlichkeitsarbeit beim Bestattungsunternehmen Otto Berg
Das ist zu tun: Zu den Aufgaben kann sowohl die Überführung und die hygienische Versorgung des Verstorbenen gehören, aber auch die Beratung der Angehörigen, die Organisation und Durchführung der Trauerfeier.
Darum mache ich das: Ich habe Germanistik und Geschichte studiert, aber das Thema Sterben, Tod und Trauer hat mich schon immer interessiert. Durch Zufall wurde ich Vereinsmitglied beim Museum für Sepulkralkultur in Kassel. Dann bekam ich einen Projektauftrag für Archivarbeit bei einem Berliner Bestattungsunternehmen.
Das Beste am Job: Mir macht die Vielfältigkeit des Jobs Spaß. Ich kann den Angehörigen emotional beistehen und dafür sorgen, dass Beisetzung und Trauerfeier genau so ablaufen, wie sie es sich vorgestellt haben.
Das Schlimmste daran: Das enge Zeitkorsett. Oft müssen an wenigen Tagen in der Woche die Bestattungen durchgeführt werden, da kann es schon mal hektisch werden.
So wird man das: Dreijährige IHK-Ausbildung zur Bestattungsfachkraft. 


Texte: Isabel Ehrlich & Henrike Möller
Fotos: Eventpress-Radke, OliverWolff

 

Mehr über Cookies erfahren