Stadtleben

Welt-Literatur

Vielleicht sind die echten Verzweiflungskünstler und Genies des verunglückten Lebens im Theater nicht die Schauspieler und Regisseure, sondern die Pförtner. Zumindest am Schauspielhaus Bochum muss das so sein. Dort ist Wolfgang Welt seit vielen Jahren Pförtner. Wolfgang Welt schreibt seit über 20 Jahren eine depressive, verstörte, ungefiltert persönliche Pop-Literatur. Nicht nur, weil er mit Mitte fünfzig noch bei seinen Eltern wohnt und seit Jahrzehnten in psychiatrischer Behandlung ist, ist Wolfgang Welt der Daniel Johnston der deutschen Literatur.

Er schreibt von seinen Psychiatrieaufenthalten und seinen Wahn-Schüben, in denen er zum Beispiel das Grimm’sche Wörterbuch kauft um Deutschland wiederzuvereinigen, was ja dann ein paar Jahre später auch geklappt hat. Er schreibt vom Biertrinken und von seiner Liebe zu Buddy Holly und darüber, dass er selbst inzwischen aussieht wie der aufgequollene Brian Wilson. Und er schreibt jenseits aller Peinlichkeitsgrenzen von seiner Kompletterfolglosigkeit bei den Versuchen, zur Abwechslung mal nicht nur mit sich selbst Sex zu haben. Was er schreibt ist so speziell, dass Pop-Literatur eigentlich der falsche Ausdruck ist. Es ist ein eigenes Genre: Welt-Literatur. Wolfgang Welt ist das Gegenteil eines professionellen Schriftstellers, Wolfgang Welt ist ein Künstler. Manchmal wurde sogar etwas veröffentlicht, es waren Bücher von durchschlagender Erfolglosigkeit. Und es sind Bücher, die man lieben muss. Jetzt ist ein neues erschienen, Wolfgang Welt erzählt von seinem Leben zwischen 1984 und 1990. Der erste Satz geht so: „Kaum aus der Psychiatrie entlassen, holte ich mir auf meiner Mansarde einen runter.“ Tja. Wolfgang Welt hat ein komplett trostloses, unsentimentales und gleichzeitig absolut komisches Buch geschrieben, bei dem ich jedenfalls dauernd laut lachen musste. Ach ja, über das Bochumer Theater in den Achtzigern erfährt man auch was. Zum Beispiel, was ihm ein anderer Pförtner erzählt: „Einmal habe der Tabori dem Peymann die Alte weggevögelt, da war er sauer.“ Tja. Kaufen Sie dieses Buch. Heute.

Wolfgang Welt: Doris hilft. Roman.246 Seiten, Suhrkamp Taschenbuch, 8,50 Euro

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