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Weltfahrradtag, aber keine Fahrrad-Politik: Nichts als Wut in Berlin

Weltfahrradtag, das klingt so wunderbar. Anfang Juni, jedes Jahr, für alle, die aufs Rad steigen. Für Menschen, die so unterwegs sind aber vor allem: Zeit, mal wieder auf den Tisch zu hauen. Denn es kann nicht sein, dass in Berlin immer wieder Menschen sterben, in den immer gleichen, vorhersehbaren Situationen, nur, weil sie Fahrradfahren – wie gerade erst die 38-jährige Laetitia Graffard.

An der Greifswalder Straße wurde eine Radfahrerin angefahren, sie starb im Krankenhaus. Fahrradfahrer:innen in Berlin leben immer noch viel zu gefährlich. Foto: Imago/Stefan Zeitz

Weltfahrradtag – und eigentlich nichts als Wut

Es macht so wütend. Vor genau einer Woche starb die 37-jährige Berlinerin Laetitia Graffard. Graffard, auch bekannt als Laet Beton, war eine Größe in der Berliner Comicszene, drei Jahre lang leitete sie den Comicladen Modern Graphics an der Kastanienallee. Sie starb auf ihrem Fahrrad, als sie einem Geldtransporter auswich, der den Radweg auf der Frankfurter Allee Richtung Alexanderplatz zugeparkt hatte.

Einen Tag später, am Freitag, erlag die 38-jährige Krankenschwester Cindy B. ihren Verletzungen im Krankenhaus. Sie war auf ihrem Fahrrad auf der Greifswalder Straße von einem rechtsabbiegenden Betonmischer überfahren worden.

Es macht so wütend, weil diese beiden Frauen mit hoher Wahrscheinlichkeit noch hätten leben können. Wenn der Senat endlich den Mut hätte, eine Verkehrspolitik durchzusetzen, die Menschen auf dem Rad radikal schützt und LKW radikal einschränkt. Wenn die Polizei bei Fahrer:innen von Autos und Lieferwagen, die die Radwege zuparken, kein Verständnis mehr zeigen würde, sondern Strafen ausspräche, die widerspiegeln, dass sie gerade Menschenleben gefährdet haben. Wenn Kraftwagenfahrer:innen endlich anfangen würden, die Sicherheit von Menschen auf dem Rad ernst zu nehmen.

Aber das tun sie nicht, sie alle nicht. Und das ist, mit Verlaub, zum Kotzen. Heute ist der internationale Tag des Fahrrads. Eine gute Gelegenheit für alle, die in den Kommentarspalten nicht müde werden, darauf hinzuweisen, dass auch Radfahrer:innen sich oft nicht an die Verkehrsregeln halten, mal in sich zu gehen und zu überlegen, ob das angebracht ist. Ja, unter allen Verkehrsteilnehmer:innen gibt es welche, die sich nicht an Regeln halten. Aber nur bei denen, die in tonnenschweren Autos oder LKW sitzen, führen diese Regelverstöße mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit dazu, dass jemand anders stirbt. Und das nur, weil sie es zum Beispiel nicht für nötig halten, einen Umweg in Kauf zu nehmen und ihr Fahrzeug dort abzustellen, wo es niemanden gefährdet.

Fahrrad fahren in Berlin: Zieht endlich Konsequenzen aus den vielen Toten.
Auf der Frankfurter Allee Ecke am U-Bahnhof Samariterstraße wurde Laetitia Graffard von einem Sattelschlepper überrollt. Foto: Imago/suedraumfoto

Fahrradfahren in Berlin: Betroffenheit hilft niemandem

Zuallererst aber muss die Polizei solche Verstöße endlich konsequent ahnden. Erst kürzlich wurde einem Bericht des Tagesspiegel zufolge ein Handwerker handgreiflich, nachdem ihn ein Radfahrer darauf hinwies, dass er mit seinem Wagen im Halteverbot steht. Als die Polizei auftauchte, wollte sie keine Anzeige aufnehmen, schließlich könne man ja auch “die andere Seite verstehen”. Wie sehr sich der Handwerker dem im Recht fühlt, obwohl er mit seinem Verhalten gefährdet, ist unglaublich. Noch schwerer zu glauben ist allerdings, dass die Polizei ihn auch noch bestärkt.

Natürlich gibt es zu wenig Ladezonen und Parkplätze für Handwerker. Genauso, wie es zu wenig Abbiegeassistenten und Beifahrer:innen, die die Augen aufhalten, in Lkw gibt. Zu wenig bauliche Trennungen zwischen Radwegen und Straßen und viel zu wenig Ampelschaltungen, die Rechtsabbieger und die, die geradeaus fahren, trennen. Aber Konsequenz kann und darf nicht sein, dass jedes Mal wieder politische Entscheidungsträger:innen und LKW-Speditionen Betroffenheit heucheln, aber letztlich alles so bleibt wie gehabt. So wie in den USA, wo Angehörige der Republikaner nach jedem Attentat auf Schulen, nach jeder Schießerei für Opfer und ihre Hinterbliebenen beten, sich aber an den Waffengesetzen nichts ändert. und

Die Konsequenz muss sein, dass die Politik diese Situationen unmöglich macht und Gesetze einführt, die all jenes, das dazu beiträgt, diese wiederkehrenden Unfälle zu verhindern, zur Pflicht macht. Damit nicht noch mehr Berliner:innen ins offene Messer rennen müssen, nur weil sie Rad fahren. Und damit diejenigen, die überleben, nicht irgendwann vor Wut platzen.


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