Stadtleben

Weltwirtschaftskrise

„Wolle’ mer se reinlasse?“, fragt der Moderator beim Karneval, bevor besoffene Jecken das Festzelt stürmen – im wahren Leben fragt natürlich keiner, ob man irgendwen oder -was reinlassen will. Die Weltwirtschaftskrise – sie kommt!

Der Staat schießt Milliarden in fragwürdige Bankunternehmen, Privatanleger der Citibank fühlen sich betrogen, Papst Benedikt mahnt, das Streben nach Geld sei wertlos (die zehn Prozent Kirchensteuer bleiben al­ler­dings bestehen), Weltökonomen sprechen vom Beginn einer globalen Tragödie – und wir? Wir können dankbar dafür sein, dass wir schon immer pleite waren!

Oma Margot, eine kleine, schlaue Person mit silbergrauen Löckchen, hat das Ganze offenbar kommen sehen. In ei­nem abgedunkelten Raum hinter ihrer Küche befinden sich Re­gale mit ca. 586 Gläsern, gefüllt mit Apfelhälften, Erdbeeren, Bohnen und sauren Kirschen, die sie zusammen mit Ewald, meinem Opa, die letzten 30 Jahre einweckte. An Festtagen wie Weih­nachten oder Ewalds Geburtstag kommt dann – neben einem Eierlikör im Schokobecher – für jeden auch ein Schälchen Kompott (meist Pflaumen) auf den Tisch. Der Rest wird aufbewahrt für schwie­rige Zeiten, alte Leute und Bewohner der ehemaligen DDR kennen sich damit nämlich aus. Opa Ewald hatte wahrscheinlich die ganz schlechten Zeiten vor Augen, als er auf seinem Grundstück vor Jahren einen äußerst tief gelegenen Kartoffelkeller installierte, mit Wän­den aus Beton, Stahltüren, WC- und Wasseranschluss – die schrumpeligen Erdäpfel dienen lediglich als Dekoration für den eins a Atomschutzbunker.

Zudem wachsen im Garten der Großeltern alle nur denkbaren Gemüsesorten, und der hölzerne Zaun grenzt an ein Kornfeld – ein gewiefter Schachzug! Denn, wenn alles schieflaufen sollte und die Marktpreise für ein Brötchen demnächst bei 50.000 Euro liegen, werden Ewald und Margot mit einer Sense aufs Feld hinausgehen, Korn ernten und ihre Schrippen im Holzofen selber backen – zum Nachtisch gibt’s Kompott.

Wir in Berlin haben diese Möglichkeiten ja nicht. Wer über Einfluss und Beziehungen nach ganz oben verfügt, der kann versuchen, sich in Krisenzeiten an Robert Mugabe zu orien­tieren, zieht sich was Bequemes über, beispielsweise mit großen blauen Elefanten drauf, ruft bei der Bundesdruckerei an und bestellt ein Paket 5000-Euro-Scheine für sich und die Ehefrau. Das müsste für die nächsten drei Tage reichen. Wer weder über Einfluss noch Kompottvorräte verfügt, der sollte sich schon mal das Buch von Altkanzler Helmut Schmidt besorgen, Titel: „Außer Dienst“. Hier werden Themen behandelt wie „Welchen Kapitalismus will das Land?“ oder „Wie lässt sich Marktwirtschaft erneuern?“. Da kommt man auch ohne Garten ans Eingemachte.


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