Stadtleben

Wer suchet, der findet – nicht immer

wohnraum_berlinDie Enttäuschung misst an diesem verregneten Samstagmorgen genau 39 Quadratmeter. Neukölln, sanierter Altbau, ein Besichtigungstermin für potenzielle Mieter einer Eineinhalbzimmerwohnung in der Sonnenallee. Der enge Flur mit neuem Dielenboden ist frisch geweißt. Er führt an einem Wannenbad vorbei zu einer kleinen Küche mit bordeauxroten Hängeschränken. Nobel, aber winzig. 440 Euro warm. Im Wohnzimmer lacht ein alleinerziehender Vater bitter auf: „Da habe ich ja schon größere Kleiderschränke gesehen.“ Wie er gehen viele der elf Bewerber fast so schnell, wie sie gekommen sind. Bewerber, die aussehen, als wüssten sie um die Bedeutung äußerer Werte bei so einem Termin. Gebügelte Hemden, geputzte Schuhe. Ein älterer Herr trägt sogar zum Schlips einen passenden Hut. Es ist eine Szenerie, die sich in Berlin tagtäglich wiederholt. Wohnungssuche in einer Stadt, in der doch für jeden eine passende Wohnung dabei sein müsste, früher oder später. Denn momentan stehen laut Senatsangaben 96.500 Mietwohnungen leer.

In der Neuköllner Wohnung bleibt ein 26-jähriger Altenpfleger mit als Letzter zurück. Auch er ist enttäuscht. „Hier fühle ich mich doch wie in einer Schrottpresse“, sagt der Mann leise. „Als würden die Wände auf mich zukommen.“ Für ihn ist es erst das zweite Wochenende auf Wohnungssuche. Immer das Gleiche: zu teuer, zu abseits, zu klein, zu baufällig. „Ich werde wohl noch vor vielen Wohnungen mit der Konkurrenz Schlange stehen, bis ich mein neues Zuhause gefunden habe“, sagt er. Auf seiner Liste für diesen Sonnabend stehen noch vier Termine.

Diese Zahl von knapp 100.000 freien Wohnungen ist jedoch trügerisch, wie ein Wochenende mit fünf Besichtigungsterminen in fünf Bezirken zeigt. Sie suggeriert eine Auswahl, die so nicht existiert. Glaubt man den Experten, wird die Suche künftig nicht einfacher. Im Zentrum werden bezahlbare Wohnungen längst knapp.

Prenzlauer Berg, immer noch Sonnabend, wieder ein sanierter Altbau. Die Wohnung in der Stahlheimer Straße ist knapp 50 Quadratmeter groß. Bis zum Besichtigungstermin sind noch 20 Minuten Zeit, aber vor der Haustür frieren bereits fünf Studentinnen. Die Jüngste hat ihren Vater im Schlepptau. Dem zierlichen Mädchen ist das sichtlich unangenehm. Nervös blickt sie zu den selbstbewussten Mitbewerberinnen. Die lachen laut, rauchen Kette. Als sich die Tochter auch eine Zigarette anzünden will, schimpft der Vater los: „Du willst doch keinen schlechten Eindruck machen und hier alles vollstinken. Reiß dich mal zusammen.“

Ein paar Minuten später kommt der Hausverwalter: ein solariumgebräunter Mittvierziger, der es eilig hat. In der Wohnung lassen große, hohe Räume, alte weiße Holztüren und neue Fenster, ein gut gepflegter Dielenboden und der Blick aus dem vierten Stock über den morgendlichen Prenzlauer Berg die Bewerberinnen innerlich aufjauchzen. Den Quadratmeterpreis von 7,20 Euro nehmen sie gern in Kauf. Und dass im Bad kein Platz für eine Waschmaschine ist, stört auch niemanden. Nur drei Häuser weiter gibt es einen preiswerten Waschsalon. Und alles ist ja sowieso nie perfekt.

Der Vater hat den Hausverwalter mittlerweile in ein Gespräch verwickelt. Er fachsimpelt über Heizkosten und Fensterisolierung, während sich in der Hand des Verwalters bereits Schufa-Auskunft und Einkommensnachweise seiner Tochter befinden. Jetzt ist sie doch froh, ihren Erzeuger dabei zu haben. Die Mitbewerberinnen weniger. „Tja, Papa wird’s schon machen“, zischt eine junge Frau mit dunkler Hornbrille und toupiertem Seitenzopf ihrer Freundin zu. Und plötzlich ist die Besichtigung auch schon wieder vorbei. Vor der Haustür haben sich mittlerweile weitere Bewerber versammelt. Bis zum verabredeten Besichtigungstermin sind immer noch einige Minuten Zeit. Doch der Verwalter muss weiter, die Wohnung hat ja nun bereits eine neue Mieterin. Papa hat’s „gemacht“.

wohnungen_marzahnNach dem Senat für Stadtentwicklung ist der Wohnungsleerstand, in der Stadt insgesamt bei fünf Prozent, gerade in den Bezirken Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Mitte überdurchschnittlich hoch. Das klingt überraschend. Schließlich sind freie Wohnungen gerade in diesen Bezirken heiß begehrt. Und die Umzugsneigung ist hier laut David Eberhart vom Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) sehr gering. Der Grund für dieses scheinbare Paradoxon: Viele der leer stehenden Wohnungen sind momentan gar nicht auf dem Markt. Die Senatsverwaltung erfasst den Leerstand seit 2003 durch eine Stromzähleranalyse. Als leer stehend gelten danach jene Wohnungen, für die es keinen laufenden Stromabnahmevertrag gibt. Somit fallen darunter also auch abrissreife oder unbewohnbare Wohnungen. Ebenso solche, die gerade instand gesetzt, modernisiert oder zum Verkauf angeboten werden.

Friedrichshain, Simon-Dach-Kiez. Eine Eineinhalbzimmerwohnung in der Gabriel-Max-Straße, Hinterhaus, sanierter Altbau. Auf die Annonce einer blonden Philosophie-Studentin, die einen Nachmieter sucht, melden sich 18 Bewerber. Ebenfalls meist Studenten. Oder Kreative. Die Wohnung soll insgesamt 370 Euro kosten. Einer nach dem anderen besichtigen die Bewerber die Wohnung und lassen ihre ausgefüllten Bewerbungsunterlagen zurück. Die blonde Frau grübelt noch. Ursprünglich sollte die Wohnung bekommen, wer den höchsten Abschlag auf das von ihr verlegte Laminat zahlt. Eine Frau bietet dafür 150 Euro, der Bestwert. Doch die Konkurrenz gibt sich nicht geschlagen. Ein junger Fotograf versucht es mit einer persönlichen Drama-Geschichte. Er sei erst kürzlich von seiner Freundin verlassen worden, erzählt er. Nun würde er in der gemeinsamen Wohnung auf der Couch schlafen. Zwar könne er nur 80 Euro für das Laminat berappen, doch die Wohnung würde ihm außerordentlich gut gefallen. Die emotionale Geschichte zeigt Wirkung. Vielleicht stimmt sie sogar. Der Fotograf macht das Rennen und darf schon in wenigen Wochen einziehen. Der Single wider Willen.

Schon jetzt stellen Singles in der Stadt 50 Prozent der Haushalte, mit steigender Tendenz. Der Wohnungsleerstand wird daher laut Senatsangaben weiter sinken. Das macht die Suche nach einer neuen Wohnung künftig wohl noch schwieriger. Doch irgendwo muss das Gros der noch knapp 100.000 freien Wohnungen ja sein.

Zum Beispiel in Lichtenberg: eine Dreizimmerwohnung in einem Neubau in der Reichenberger Straße. 81 Quadratmeter für 755 Euro warm sind im Angebot. Als sich der Vermieter seinen Weg durch Regenpfützen bahnt, knallt auf dem kleinen Parkplatz vor dem Haus die Tür eines Opels. Eine Frau mit platinblonder Dauerwelle und stark geschminkten Lippen hüpft auf hohen Hacken in die Arme ihres Gatten vor der Haustür, einem Schnauzbartträger mit etwas zu dunkel getöntem Haar. Sie eilen den anderen Bewerbern hinterher – allesamt Pärchen, manche mit, manche ohne Kinder.

In der Wohnung kommt der Schnauzbartträger sofort zur Sache: „Hier ist ja noch gar kein Boden drin. Kommt der noch?“ Nein, kommt er nicht. Dafür könnten die neuen Mieter aber ein bis zwei Monate mietfrei wohnen. „Na, das ist doch was. Da nehmen wir unseren Teppich mit“, freut sich der Mann. Aufgeregt rennt er von Raum zu Raum, vermisst die Wände, guckt in jeden Einbauschrank. Er überprüft sogar die Leinen im Wäscheraum auf ihre Reißfestigkeit. „Alles ordentlich und stabil. Von mir aus können wir einziehen.“

Wenig Angebot, große Nachfrage: Dieses Verhältnis kehrt sich in den riesigen Siedlungen um, die zumeist in den 70er und 80er Jahren entstanden. Gropiusstadt oder Märkisches Viertel im ehemaligen Westen, Marzahn-Hellersdorf oder Hohenschönhausen im einstigen Osten der Stadt. Dort, wo die DDR die sogenannte Wohnungsfrage ein für alle Mal großflächig lösen wollte. Mit Plattenbauten, in denen nach der Wiedervereinigung plötzlich viele Wohnungen leer standen. Zahlreiche Betonbunker wurden in den vergangenen Jahren bereits abgerissen oder zurückgebaut. Oder bunt getüncht. Aber in Hohenschönhausen zum Beispiel treten nicht die Wohnungssuchenden in der Bittstellerposition auf. Sondern die Wohnungsanbieter. Wie Bettina Schmidt*. Fast jedes Wochenende führt die junge Frau Interessenten durch Platten in Marzahn und Hohenschönhausen. An diesem Sonntagnachmittag will sie eine 75-Quadratmeter-Neubauwohnung in der Biesenbrower Straße vorzeigen. Der fünfte und damit letzte Termin an diesem Tag.

Mit dem Fahrstuhl geht es hinauf in die siebte Etage. Der Zustand der Wohnung unterbietet jede noch so dürftige Erwartung: Die Raufasertapete hat schon lange keine frische Farbe mehr gesehen und löst sich an manchen Stellen von den Wänden. Die Badtür fehlt. Und im Waschbecken hat sich eine große Ladung schwarzbrauner Suppe gesammelt. „Das wird noch ausgetauscht“, sagt Bettina Schmidt. „Die gleiche Wohnung ist aber auch noch zwei Aufgänge weiter frei, in besserem Zustand. Und die ist billiger.“

Zwei Aufgänge weiter: die gleichen Gerüche, derselbe Schnitt – doch keine Makel. Warum die Wohnung weniger kostet als ihr hässlicher Zwilling, kann Bettina Schmidt nicht sagen. Das sei eben so. Schnell werden Telefonnummern getauscht und die Teilnahme an der Wohnungsführung quittiert. Dann geht die junge Frau in ihren wohlverdienten Feierabend – ab nach Hause. Bettina Schmidt wohnt selbst auch in einem Plattenbau. Viel lieber würde sie aber in einer schicken Altbauwohnung leben, mit hohen Räumen und Stuck an der Decke. Einen vergleichbar großen und günstigen Altbau hat sie bisher allerdings noch nicht gefunden. Wie so viele in Berlin, die noch auf der Suche sind.

Text: Wenke Heuts

Fotos: Harry Schnittger

*Name von der Redaktion geändert

Die Konzepte der anderen Parteien für Berlins Wohnmarkt:

Bündnis 90/Die Grünen

Die Linke

CDU

FDP

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