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Westberlin in den 80ern – Das war der wilde Westen

Westberlin_c_AnnoDittmerLetzte Woche hat sich David Bowie wieder gemeldet. Pünktlich zu seinem 66. Geburtstag und nach zehnjähriger Schaffenspause stellte der englische Sänger plötzlich und unerwartet das Video zu einer neuen Single ins Netz. Bei „Where Are We Now?“ schwelgt der sichtlich gealterte Thin White Duke in Erinnerungen an seine Zeit in West-Berlin. Das massiv verbesserte Image der Stadt ­(Infrastruktur- und Großbauprojekte mal außer Acht gelassen), die ihm Mitte der 1970er dabei behilflich war, im Interesse der Gesundheit und Kreativität abzutauchen, hilft ihm nun wieder dabei, ordentlich oben mitzuschwimmen. „Where Are We Now?“ belegte schlagartig Platz eins in den UK- Charts. Dabei: Der Mann ist 66, seine Stimme klingt mittlerweile entsprechend und das Lied ist eine ziemlich sämige Nummer. Aber Bowie hat eben ein Gespür für die Köpfe und Herzen seiner Fans und Kritiker. Der Videoclip bedient die Erinnerung an seine West-Berliner Phase von 1976–78, in der Bowie im Hansa-Studio drei Alben aufnahm („Low“, „Heroes“, „Lodger“), die zwar seinerzeit kommerziell nicht sonderlich erfolgreich waren, aber heute immer wieder als seine Referenzwerke herangezogen werden. 

DavidBowie_ScreenshotWir sehen Bilder von der Hauptstraße in Schöneberg vorbeirauschen, wo Bowie einst gemeinsam mit Iggy Pop wohnte, von der Köthener Straße, wo er einst aufnahm, von der Mauer, vom Reichstag. Mehr noch, sein Text beschwört den „Potsdamer Platz“ und den „Dschungel near the KaDeWe“.  
Ein Paradebeispiel für die Mystifizierung des alten West-Berlin. Und David Bowie ist derzeit beileibe nicht der Einzige, dem die Halbstadt wieder als Sehnsuchtsort dient. Bereits im Laufe der vergangenen beiden Jahre wurden zahlreiche Bücher verfasst, die die Erinnerungen an West-Berlin wachrufen oder ganz neue Aufmerksamkeit wecken. Interessanterweise sind es dabei besonders die 70er- und 80er-Jahre, die mittlerweile unsere Erinnerung an das Halbstadtgebilde ausmachen, deren Bilder in den Sinn kommen. Die wilden Clubs, die verranzten Gebäude, die öde Mauer, die mal hysterische, mal apathische Avantgarde in Kunst und Musik.

 

Subkultur_Westberlin_1979-7989Während der Künstler, Musiker und Autor Wolfgang Müller dieser Tage sein üppiges Buch „Subkultur Westberlin 1979–1989“ veröffentlicht, legte die Autorin und Lesebühnen-Chefin Ulrike Sterblich („Bunny Lectures“) ihre eigene Version vom West-Berliner Lebensgefühl vor: „Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt“ beschreibt den oft banalen und gerne auch mal langweiligen Alltag der Stadtrandjugend Mitte der Achtzigerjahre.Die_halbe_Stadt_die_es_nicht_mehr_gibt Jener jungen Menschen, die nicht nach West-Berlin gekommen sind, um zu „inszenieren, zu posen und zu machen“, wie es die Pro­tagonisten der Sub- und auch Hochkultur  taten, sondern die hier geboren wurden und lediglich ihren Alltag verbrachten, die einfach zu jung waren, um in „Dschungel“, „Risiko“, „Sound“ oder in der „Intensivstation“ selbst Kulturgeschichte zu schreiben.  

 

Wolfgang_MuellerBetrachtet man die Aktivitäten der sich vor bereits zwei Jahren konstituierten Facebook-Gruppe „West-Berlin“, die inzwischen von rund 1?200 Usern regelmäßig frequentiert und gefüttert wird, dann braucht es auch mindestens diese beiden Seiten, um West-Berlin wirklich rückwirkend verstehen und auch ein Stück weit nachempfinden zu können. Neben Blixa Bargeld bestimmt eben auch Harald Juhnke die Erinnerungen, neben Tabea Blumenschein agierte auch Anita Kupsch, neben den Konzertlisten des alten „Loft“ werden ebenso die „Langnese“-Eiskarten mit ihrem Angebot von „Brauner Bär“ bis „Ed van Schleck“ memoriert und diskutiert. Hinter dieser nunmehr friedlichen Koexistenz könnte man einen typischen Fall von Altersmilde bei allen Beteiligten vermuten, die sich selbst überwiegend bereits in der zweiten Lebenshälfte befinden, man darf aber auch ganz einfach eine Horizonterweiterung unterstellen, wie sie Wolfgang Müller auch in seinem Buch anspricht: Wer damals radikal fokussierte, der musste ja zwangsläufig seine Umgebung ausblenden. Nun haben wir genug Abstand, um ein Gesamtbild wahrzunehmen. In diesem Sinne: Macht’s jut, Nachbarn. 

Text: Hagen Liebing

Fotos: Anno Dittmer

 

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