Stadtleben

Widerliche Kunstform

Etwas Häme gegen Kitschtheater gefällig? Wie wäre es damit: „Das sind richtige Seelenfotzen, diese Schauspieler. Unerträgliche Widerlinge. Man sollte sie ausrotten, wenn es nicht zu viele davon gäbe. Ich meine jetzt vor allem alle Schauspieler außerhalb der Theater. Diese Seelenfotzen auf der Straße. Weg damit! Alle, die in jede Dunkelheit nur Seele hineininterpretieren.“ Überhaupt, das Theater und der fatale Hang zur Seelenergießung: „Das ist überhaupt für mich das Bild der Seele. Ein vor einem Mikrophon zappelnder, Tiefsinn verbreitender Schauspieler.“ Kein Wunder, bei diesen „Theaterräumen, in denen es nicht nur zieht, sondern in denen auch ein unendlicher Flirtkäse in der Luft hängt.“ Schlimmer als von sich selbst ergriffene Schauspieler ist nur das von sich selbst begeisterte Publikum: „Das interaktive Theater war ein jahrzehntelanger Terror. Eine widerliche Kunstform der Geselligkeit. Aber man kann nicht ihm allein den Zustand katastrophaler Kommunikation anlasten, denn überhaupt stellt das Auditorium jedes Theaters eine schreckliche Form der Gemeinschaft dar, die glaubt, einen Sinn zu teilen und die Gemeinschaft als eine Sinngemeinschaft zu verstehen, und die für Kommunikation hält, sich dauernd einen abwesenden Sinn mitzuteilen.“

Eine Alternative: „Ein Theater ohne Publikum und Proben, mit dem man nach wie vor selbst die ältesten Theaterhasen gegen sich aufbringen kann.“ Nicht schwer zu erraten, von wem das ist: So konsequent denkt nur Renй Pollesch über die Zumutungen und Möglichkeiten des Theaters nach. Anfang vergangenen Jahres hat er das in einer Work-in-progress-Ausstellung in der Berliner Galerie Buchholz getan. Die dort entstandenen Texte hat er jetzt zu einem klugen, kleinen Buch kompiliert.

Renй Pollesch: Der Schnittchenkauf 2011–2012, Galerie Buchholz, 92 Seiten, 12 Euro.

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