Stadtleben

Wie geht\s weiter im Bildungsstreik

Humboldt-UniversitätÜber der Flügeltreppe zum Auditorium maximum der Humboldt-Universität prangt in schwarzen Lettern „Demokratisierung“. Einige Stufen höher hängt ein Transparent mit der Aufschrift „be Bildungsnot – be Hundekot – be Berlin“. Die Wände sind über und über mit Zeitungsartikeln beklebt. Der wochenlange Bildungsstreik hat überall Spuren hinterlassen.
Anfang November begannen die bundesweiten Proteste an den Hochschulen. Seitdem wurden auch in Berlin Hörsäle besetzt, demonstrierten Tausende Studenten vor dem Roten Rathaus, stürmten 40 Kommilitonen an der HU eine Pressekonferenz der Hochschulrektorenkonferenz.
Es geht um den Bologna-Prozess, die Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulsystems. Um die damit eingeführten Bachelor- und Mas­terstudiengänge. Um hohen Arbeitsaufwand für die Studenten, um eine Flut an Prüfungen. Um die Verschulung der Universitäten. So sehen es jedenfalls die Protestierenden.

„Rechnet man die Nachbereitungszeit der Seminare mit, kommt man locker auf eine 75-Stunden-Woche“, sagt Erik Marquardt vom Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) der Technischen Universität. Studenten, die nach zwei Se­mes­tern noch keine Prüfung absolviert oder nach Ende der Regelstudienzeit keinen Abschluss gemacht haben, werden zu einer sogenannten Zwangsberatung zi­tiert. „Man muss die vorgegebenen Auflagen befolgen, sonst droht die Exmatrikulation“, sagt Gerrit Aust vom Referent­InnenRat, dem Studierendenrat der Humboldt-Uni. „Die Uni legt das als wohlwollende Hilfe aus.“ Immerhin wurden kürzlich die umstrittenen Anwesenheits­listen, in die sich Studenten in Seminaren und Vorlesungen ein­tragen sollen, in Berlin für einen kurzen Zeitraum ausgesetzt. Es ist einer der wenigen bisherigen Erfolge des Streiks.

Jetzt arbeiten gemeinsame Gremien, Institutsgruppen und Kommissionen aus Studierenden und Lehrenden an neuen Studienordnungen zur Verbesserung der Lern- und Lehrbedingungen. Zum Beispiel, um das Problem der überfüllten Seminarräume zu lösen. Alle Vorschläge müssen in letzter Instanz von der Berliner Bildungssenatsverwaltung abgesegnet werden. Die Unis besitzen jedoch erhebliche Spielräume, um ihre Lehre individuell zu gestalten. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir mit dem vernünftigen Kern der Protestierenden durchaus kons­truktiv zusammenarbeiten können“, sagt Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität. Außerdem gründeten Freie und Technische Universität einen Runden Tisch. Dort reden beide Seiten über mögliche Reformen. Die Meinungen über seine Relevanz gehen allerdings auseinander. „Der Runde Tisch ist kein Gremium mit Entscheidungsmacht“, sagt Christine McCaskill von der studentischen Presse AG der Freien Universität. Dagegen hält Kurt Kutzler, Präsident der Technischen Universität: „Sofern dort konkrete Probleme benannt sind, werden diese auch angegangen.“

Humboldt-UniversitätDas Hauptärgernis für die Protestler ist jedoch die Politik. Von ihr fühlen sie sich bislang zu wenig ernst genommen. „Der Bildungssenator verspricht etwas, der Finanzsenator nimmt es wieder zurück“, ärgert sich AStA-Vertreter Erik Marquardt von der TU. Er nennt das „kleine Machtspielchen, die für uns nicht nachvollziehbar sind“. Warum die Änderungswünsche der Studierenden nur sehr zögerlich berücksichtigt werden, ist beim Bildungssenator Jürgen Zöllner bislang trotz Anfrage des tip nicht zu erfahren. Ähnlich verhält es sich auf Bundesebene. „Das Zugeständnis von Bildungsministerin Schavan, das BAföG aufzu­stock­en, ist zwar ein gutes Zeichen“, sagt Gerrit Aust vom Studierendenrat der HU. Dies sei jedoch in Anbetracht der Protestdauer kein Grund zu übermäßiger Euphorie. Semesterbeiträge und Studiengebühren wären weder in eine bessere Ausstattung der Universitäten geflossen, noch hätten sie den Mangel an Lehrkräften beseitigt, stellt er fest. Die Kultusministerkonferenz in Bonn hat nun versprochen, Arbeits- und Prüfungsentlastungen durch­zusetzen. Fraglich bleibt, wie schnell die Veränderungen tatsächlich umgesetzt werden.

Die unzufriedenen Studierenden scheinen jedenfalls motiviert, so lange zu protestieren, bis sie spürbare Entlastungen erreicht haben. Bis Mitte Januar wollen sie die Vernetzung zwischen den Unis vorantreiben. Vollversammlungen finden bereits mit Videokonferenzen statt. „Inhaltlich arbeiten wir jetzt verstärkt in Workshops und Gremien“, sagt Gerrit Aust. „Was uns allerdings Sorge macht, ist Weihnachten. Wir hoffen, die Besetzung über die Feiertage aufrechthalten zu können.“ Vor dem Audimax werden jedenfalls schon mal weiter fleißig Protestplakate beschriftet. 

Text: Max Gösche
Fotos: Harry Schnitger

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