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Wie lebt es sich eigentlich ohne Bankkonto?

Leben ohne Konto

Meistens sind ja nur Prospekte im Briefkasten. Das ist auch bei Ulrich Weber so. Doch einmal im Monat freut sich der 53-Jährige über einen Brief vom Jobcenter. Im Umschlag befindet sich ein Scheck, den er bei der Postbank einlösen und dafür sein Arbeitslosengeld kassieren kann. 2,50 Euro Bearbeitungs­gebühr behält das Jobcenter für den zusätzlichen Aufwand der Scheck­ausstellung ein. Weitere fünf Euro beträgt die Gebühr für das Einlösen bei der Postbank.
Weber muss diese Zusatzgebühren zähneknirschend zahlen: Er hat kein eigenes Konto. Mit seinem Job hatte der gelernte Koch vor vielen Jahren auch sein regelmäßiges Einkommen verloren. Zunächst pflegte er kranke Angehörige in Hamburg. Nachdem sie gestorben waren, zog er zu Verwandten nach Brandenburg. Bis er vom Schwager vor die Tür gesetzt wurde. Dem danach obdachlosen Weber fiel damals nicht auf, dass auch seine Bank ihm kündigte. Er hatte ganz andere Sorgen.
Geschätzt leben bundesweit eine halbe Million Bürger ohne Konto. Darunter sind zwar auch Menschen, die sich Banken aus Prinzip verweigern oder wo es durch Missverständnisse und Fehler dazu kommt, dass man plötzlich ohne Konto ist. Die meisten Kontolosen dürften aber ein ähnliches Schicksal teilen wie Ulrich Weber. Es sind Menschen ohne Job, aktuell oder ehemals obdachlos, auf der Straße oder bei Freunden lebend.
Das Leben ohne Konto ist kompliziert: Nicht nur das Arbeitslosengeld, auch die Rente muss dann bei der Post ausgelöst werden. Und eine Stromrechnung kann zwar mitunter, wie bei dem Anbieter Vattenfall, in bar beglichen werden. Allerdings nur am Auto­maten in der Sellerstraße am S-Bahnhof Wedding. So mancher Kontolose benutzt deshalb übergangsweise Konten von Bekannten mit. Nicht nur, um sich Rennerei und Gebühren zu ersparen, sondern auch, weil es potenzielle Vermieter oder Arbeitgeber oft stutzig macht, wenn kein Konto angegeben wird.
Ein neues Konto zu eröffnen kann schwer sein. Zwar hat das Europäische Parlament im Frühjahr 2014 eine Richtlinie verabschiedet, die jedem Bürger das Recht auf ein Konto zuspricht. Die EU-Mitgliedsstaaten haben allerdings noch 24 Monate Zeit, diese Richtlinie in nationales Recht umzusetzen. Bis dahin existieren in Deutschland nur Selbstverpflichtungen der Kreditinstitute, und diese sind reich an Ausnahmen. Kein Konto bekommt, wenn „die bezweckte Nutzung des Kontos zur Teilnahme am bargeldlosen Zahlungsverkehr nicht gegeben ist, etwa, weil das Konto durch Handlungen vollstreckender Gläubiger blockiert ist oder ein Jahr lang umsatzlos geführt wird“, heißt es in der Empfehlung der deutschen Kreditwirtschaft zum Girokonto für jedermann. Leer geht der Kunde auch aus, wenn „nicht sichergestellt ist, dass das Institut die für die Kontoführung und -nutzung vereinbarten üblichen Entgelte erhält“.
Zwar bieten Online-Banken in der Regel ihre Girokonten kostenlos an. Allerdings kommt Onlinebanking für Kontolose wie Ulrich Weber mangels technischer Ausstattung nicht infrage. Im Berliner Stadtraum präsente Filial­banken verlangen hingegen Gebühren – bis zu 9,99 Euro pro Monat.
Auch für Ulrich Weber werden die Gebühren zunehmend zum Problem. Seine frühere Bank schickt ihm noch immer Monat für Monat eine Rechnung. Hinzu kommen die Mahngebühren für nicht erfolgte Zahlungen – insgesamt schuldet Weber der Bank mittlerweile einen dreistelligen Betrag. Ein Sozial­arbeiter ist gerade dabei, dem 53-Jährigen, der derzeit in einem Übergangs­wohnheim lebt, eine richtige Wohnung zu organisieren. Sollte es klappen, müsste Weber bald Miete, Strom- und Heizkosten zahlen und bräuchte dafür ein funktionierendes Giro­konto. Vielleicht wird der 63-Jährige versuchen, sein Konto in ein P-Konto umwandeln zu lassen. Doch Weber ist sich mittlerweile unsicher, ob er das überhaupt will. „Seit der Finanzkrise wird den Banken so viel Geld hinterhergeworfen. Ich will da gar nicht mehr mitmachen“, sagt er.

Alternative Konten
P-konto: Bei dem Pfändungs­schutzkonto, wie es richtig heißt, ist ein Betrag von 1?045,04 Euro pro Monat vor Pfändung geschützt, und vom Staat überwiesene Sozialleistungen rührt die Bank zwei Wochen lang nicht an, auch nicht, um Schulden auszugleichen. Diese Kontoform existiert seit dem 1. Juli 2010.

Bürgerkonto: Dieses sogenannte Konto für jedermann bietet die Berliner Sparkasse für vier Euro monatliche Gebühr an. Es funktioniert nach dem Prepaid-Prinzip, die Kontoinhaber erhalten dazu auch eine SparkassenCard, mit der sie an Bankautomaten einzahlen und abheben können.

Text: Michael Metzger

Bild:  Edler von Rabenstein

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