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Wohnen am Berliner Stadtrand: Die Stärken der Stadtteile

Dass die Bezirke am Berliner Stadtrand Vorteile haben, können sich manche Zugezogene gar nicht vorstellen. Schließlich wollen so viele nach Friedrichshain, Neukölln oder Kreuzberg, obwohl die Mieten dort ins Unermessliche steigen und manche Markenzeichen der Kieze bloß noch Erinnerung sind. Was spricht also für ein Leben außerhalb des S-Bahnrings? Eine ganze Menge: Auch wenn Reinickendorf, Spandau und Köpenick vielen zu ruhig oder schlicht zu weit entfernt sind, hat die Lage Vorteile. Von entspannender Natur über großartige Geschichte bis zu ehrlichen Kneipen: Wir finden, es gibt viele Gründe fürs Wohnen am Berliner Stadtrand.


Wohnen am Stadtrand: Wald, Wasser und Wiesen

Ungestörte Natur findet man am ehesten am Stadtrand, zum Beispiel im wunderbaren Spandauer Forst. Foto: Imago/Metodi Popow

Berlin ist eine unglaublich grüne Hauptstadt. Selbst innerhalb des S-Bahnrings gibt es gigantische Parks, idyllische Seen, verwinkelte Kanäle und natürlich Havel und Spree. Etwas außerhalb taucht man aber komplett in die Natur ein. Im Grunewald, Spandauer Forst und Tegeler Forst ist man plötzlich in einer anderen Welt. Umgeben von prächtigen Bäumen, Hügeln und Wiesen ist schwer vorstellbar, dass man sich immer noch in Berlin befindet.

Der riesige Müggelsee ist in kalten Wintern besonders beeindruckend. Foto: Imago/stefanb/Panthermedia

In aller Ruhe kann durch den Wald spaziert, auf weitläufigen Wiesen gepicknickt und auf Hügeln mit herrlicher Aussicht der Winddrachen ausgepackt werden. Und das Wasser erst: Am riesige Müggelsee findet man immer eine Badestelle, auf dem Tegeler See und Wannsee kann man wunderbare Bootstouren machen, und es gibt unzählige gemütliche Restaurants und Biergärten am Wasser. Die Natur, die der Berliner Stadtrand zu bieten hat, ist einzigartig. In der Nähe von Wald, Wasser und Wiesen zu wohnen, ist nun mal ein Traum.


Die Geschichte Berlins erleben

In der Altstadt von Köpenick ist es schwierig, der Geschichte aus dem Weg zu gehen. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Am Stadtrand gibt es noch märchenhafte Altstädte, Marktplätze, Kirchen und Schlösser. Die Berliner Geschichte könnt ihr hier hautnah erleben. In der Köpenicker Altstadt wird man durch verwinkelte Gassen und historische Gebäude ins Mittelalter teleportiert. Eingeschossige Fachwerkhäuser, historisches Kopfsteinpflaster, niedliche Geschäfte, das Rathaus, in dem der Hauptmann von Köpenick Anfang des 20. Jahrhundert einen sagenhaften Coup vollzog, das barocke Schloss Köpenick und traditionsreiche Ausflugslokale am Wasser ermöglichen eine Reise durch die über achthundertjährige Geschichte des ehemaligen Fischerdorfs.

In der Zitadelle Spandau gibt es Ateliers, Werkstätte, Märkte und Konzerte. Der Juliusturm ist das älteste Gebäude Berlins. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Wie Köpenick existierte auch das am anderen Ende der Stadt gelegene Spandau schon lange vor Berlin. Der Kolk ist eine der ältesten Nachbarschaften der Hauptstadt. Die niedlichen Häuser sind liebevoll restauriert und zwischen der historischen Schleuse an der Havel und Resten der mittelalterlichen Stadtmauer angesiedelt. In der gemütlichen Altstadt lässt es sich wunderbar bummeln, und an der Promenade flaniert man besonders gut, wenn die Sonne scheint. Die gotische St.-Nikolai-Kirche gehört sicherlich zu den schönsten Kirchen Berlins. Die in der nähe gelegene Zitadelle Spandau beheimatet mit dem Juliusturm nicht nur das älteste Gebäude Berlins, sondern bietet auch Raum für Kunst und Kultur. Im Sommer gibt es in diesem einzigartigem Ambiente Konzerte von namhaften Bands. Konzert-Tipps für jedes Wochenende in Berlin findet ihr übrigens hier.


Wohnen am Stadtrand: Traditionsgeschäfte, Kiezkneipen und Mysterien

Schmalzbrot 1 Euro. Auf solche Kneipen ist immer noch Verlass. Foto: Imago/Schöning

Da sich Randbezirke normalerweise nicht zu Szenevierteln entwickeln, schreitet die Gentrifizierung nicht so unerbittlich voran wie andernorts. Zwar steigen Mieten und Grundstückspreise auch, jedoch bezahlt immer noch niemand 1000 Euro für ein WG-Zimmer in Tegel. Viele Leute leben, anders als beispielsweise im Simon-Dach-Kiez, schon ihr Leben lang in der Gegend und schätzen ihre Kneipen und Geschäfte des Vertrauens. Von Kombucha-Shops und Yoga-Cafés bleibt man am Stadtrand zum Glück verschont. Stattdessen gibt es noch richtige Eckkneipen mit vergilbten Gardinen, in denen das Bier immer noch unter drei Euro kostet und die Kellner:innen berlinern, statt auf Englisch zu sprechen.

Stilsicher Hosen shoppen in Spandau. Foto: Imago/Schöning

Seltsame Geschäfte, bei denen man sich immer fragt, wie sie eigentlich überleben können, bleiben erhalten. Auch wenn man sich nie hineintraut, freut man sich, dass sie da sind. Winzige Boutiquen, verkramte Elektro- und Trödelläden und Orte, die halt irgendwie alles haben. Natürlich gibt es auch wirklich gute Traditionsläden, die zu Recht seit Jahren erfolgreich sind.


Es gibt noch Berliner:innen

Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg hat 2021 eine Studie veröffentlicht, die sich mit den Geburtsorten von Berliner:innen auseinandersetzt. Hierbei wurde auch der Anteil von in Berlin geborenen Bürger:innen in allen Bezirken untersucht. In der Statistik wird deutlich, dass in den Randbezirken deutlich mehr Urberliner:innen wohnen als in den zentralen Bezirken.

Bela B von den Ärzten wuchs in Spandau auf und hat seinen Debütroman “Scharnow” dem Randbezirk gewidmet. Foto: Imago/R. Murmann/Future Image

So belegten

  • Reinickendorf mit 57 Prozent,
  • Spandau mit 53,6,
  • Treptow-Köpenick mit 53,3 und
  • Marzahn mit 52,1

die ersten Plätze. In Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte hingegen sind es laut der Studie lediglich 34 Prozent Urberliner:innen. Es ist klar, dass Leute, die nach Berlin ziehen, lieber in der pulsierenden Mitte leben wollen. Und das ist ja auch gut so. Die Vielfältigkeit macht diese Stadt so besonders. Trotzdem ist es seltsam, dass ein in Friedrichshain wohnender Bottroper Spandauer:innen erklären möchte, dass sie keine Berliner:innen seien.


Wohnen am Stadtrand: Paradiese für Familien

Die Natur bietet unendlich viele Möglichkeiten, um Spaß zu haben. Der Stadtrand ist daher vor allem bei Familien beliebt. Foto: Imago/Westend61

Wer am Waldrand oder umgeben von Flüssen und Seen aufgewachsen ist, kann sich oftmals nicht vorstellen, seine Kinder im Großstadttrubel großzuziehen. Überall Autos, Lärm, gestresste Leute statt Waldspielplatz und Badestrand. Viele Randbezirke sind ein Paradies für Familien. Durch die Nähe zur Natur können prägende Erfahrungen gesammelt werden. Es gibt unglaublich viel zu entdecken und verkehrsberuhigte Straßen laden zum Spielen ein.

Natürlich gibt es auch am Stadtrand stressige Gegenden, viel Verkehr und nervige Leute. Aber halt auch idyllische Nachbarschaften, die eher an Dörfer erinnern und größtenteils von Familien und alten Leuten besiedelt werden. Es gibt natürlich auch genug Gründe, das alles spießig und kleinbürgerlich zu finden, trotzdem blicken viele Stadtrandkinder sehr gerne auf ihre Kindheit zurück und wollen ihre eigenen Kinder irgendwann genauso aufwachsen lassen.


Am Stadtrand bleibt man auf dem Boden

“Oh my god, I live in P-Berg and everyone’s soooo creative. I only go to alternative, vegan, techno cafés with trendy Berliners. And I always get into Berghain.” Wer kennt sie nicht, die Berlin-City-Klischees mit völlig illusorischen Lifestyles und dem unerschütterlichen Glauben der Protagonist:innen, die alternativsten, kreativsten und stilsichersten Menschen der Welt zu sein. Echt schwer auszuhalten.

Manchmal nervt es einfach, wie cool, alternativ und kreativ Berlin sein soll. Im Randbezirk kultet man sich nicht so ab wie in den Szenebezirken. Foto: Imago/Westend61

In den sogenannten Szenebezirken trifft man irgendwann unausweichlich auf diese Karikaturen. Der Komiker Daniel-Ryan Spaulding ist durch die großartigen Fremdschäm-Imitation dieser “Berliner:innen” berühmt geworden. Außerhalb von Mitte, X-Berg, F-Hain und New Kölln feiert sich niemand so lächerlich ab. Warum auch. Hier meckert man lieber über alles und jeden, wie es sich halt gehört in Berlin.


Wohnen am Stadtrand: Trotzdem gut angebunden

Mit der U-Bahn quer durch die Stadt zu fahren, dauert echt eine Ewigkeit. Mit der Regionalbahn kommt man allerdings doch ziemlich schnell voran. Foto: Imago/Jürgen Heinrich

Der größte Nachteil der Randbezirke sind die langen Fahrtwege. Während man innerhalb der Innenstadt problemlos von einem zum anderen Bezirk fahren kann, ist eine Reise an den Stadtrand schon eine andere Liga. Trotzdem gibt es in Berlin wirklich gute Anbindungen, mit denen sich die großen Distanzen relativ schnell zurücklegen lassen. Mit den Regionalbahnen gelangt man beispielsweise extrem schnell in die Innenstadt. So schlimm, wie immer behauptet wird, ist das Ganze dann auch wieder nicht.


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Man muss ja nicht gleich an den Stadtrand ziehen, aber ein Ausflug lohnt sich allemal: Wer Berlin auf Spaziergängen erkunden will, findet hier tolle Routen. Ihr wollt die Stadt zu Fuß im Dunkeln entdecken? 12 späte Spaziergänge durch Berlin. Auf den Spuren der Geschichte seid ihr hier unterwegs bei den historischen Spaziergängen in und um Berlin. Ihr wollt raus in die Natur? Hier empfehlen wir euch schöne Waldspaziergänge. Wenn ihr den weiten Blick und viel Wasser genießen möchtet, haben wir besondere Tipps für Spaziergänge im Osten Berlins für euch. Was uns bewegt, erfahrt ihr in unserer Rubrik zum Berliner Stadtleben.

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