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Kommentar

Wohn-Irrsinn in Berlin: Suche Creative-Vegetarian für WG in Mitte, 27 Euro der Quadratmeter

Der Berliner Wohnungsmarkt ist umkämpft, manchmal geht es dann aber doch zu weit. Eine Facebook-Anzeige für ein frei gewordenes WG-Zimmer in Mitte trieb tip-Redakteur Jacek Slaski in tiefe Bestürzung. Ein Kommentar zu Wohnungs-Castings, modernem Lifestyle und den Auswüchsen des Kapitalismus.

WG sucht neue Mieterin: Ein leeres Zimmer in einer Altbauwohnung.
Ein leeres Zimmer sucht neue Mitbewohnerin. Foto: Imago/imagebroker

„Wir suchen nach einer neuen (Achtung!) MitbewohnerIN, Alter ca zws 25-35. Das passt bei uns so am besten“, so beginnt das Grauen. Eine Anzeige in einer Facebook-Gruppe offeriert ein freies WG-Zimmer. Mitte, beste Lage, 24 Quadratmeter, 650 Euro warm. Das macht satte 27 Euro pro Quadratmeter.

Billig ist das nicht, aber man bekommt was geboten: „Die Wohnung liegt im Herzen Berlins, direkt am Hackeschen Markt. Kunst, Kultur, Sport, Supermärkte, Shops, alles ist in unmittelbarer Nähe.“ Klingt super. Doch dann gehen die Ansprüche an die potentielle neue Mitbewohnerin los: Rauchen soll sie nicht, keine Tiere haben, keine Drogen konsumieren, in einem kreativen Beruf arbeiten, sich vegan oder wenigstens vegetarisch ernähren. Eine Party-WG ist das Ganze auch nicht, das ist klar, dafür gibt es einen ausgeklügelten Putzplan.

Puh, das ist ja schon mal ziemlich genau. Anbieter*innen sind eine Frau und ein Mann. Es geht weiter: „Du pflegst ebenfalls einen bewussten, gesunden und nachsichtigen Lifestyle. Offene Kommunikation ist uns sehr wichtig, für ein angenehmes und schönes miteinander“, die offene und ehrliche Kommunikation ist für die beiden WG-Zimmer-Vermieter sehr wichtig, deshalb sind sie hier auch ziemlich offen und sagen, was sie wollen. Die Kandidatin soll sich gefälligst noch für folgende Dinge interessieren: „Minimalism, Healthy Lifestyle, Essen, Kunst, Spiritualität, Life-hacks“. Ob sie „Life-hacks“ vor dem Bewerbungsgespräch noch schnell googeln wird?

Ein geradezu totalitäres Idealbild

Man muss sich schon fragen, welches Menschenbild hier herangezogen wird, um das „schöne Leben“ zu gewährleisten. Hinter all diesen vermeintlich positiven Eigenschaften, die im Anforderungskatalog stehen, summt ein geradezu totalitäres Idealbild. Ansprüche, die höher sind, als das Leben sein kann, die keine Nachlässigkeiten, Zufälle, Unzulänglichkeiten zulassen. Alles muss perfekt sein, der Mensch einer Form entsprechen.

Wie ein topgestyltes Produkt muss sich die künftige Mieterin beim Casting präsentieren und nach diesem, sollte es für sie günstig verlaufen, auch konform in der WG leben. Sind Fehler erlaubt? Angesichts der extrem schwierigen Wohnungslage muss sich so ein WG-Casting furchtbar anfühlen, das Wohnen in der WG vermutlich noch furchtbarer. Wer kann das wollen?

Es wird Bewerbungen geben

Es wird Bewerbungen geben. Davon ist auszugehen. Die hohen Mieten und die Spekulation mit Immobilien sind Auswüchse des Kapitalismus, die idealisierten Lebensstil-Ansprüche passen da perfekt hinein. In gewisser Weise ergänzen sich Menschenbild und Immobilienmarkt.

Die Vermieter sind jung, 20 respektive 33, was die Sache noch trauriger macht. Die ganze Sache klingt nach Freudlosigkeit, zwanghafter Optimierung, Stress. Hoffentlich ist diese Anzeige nur eine Ausnahme auf dem begehrten WG-Markt und nicht die Regel, unsympathisch ist sie trotzdem.


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