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Wowereits neuer Kulturstaatssekretär Tim Renner

Als Tim Renner im Roten Rathaus als neuer Kulturstaatssekretär vorgestellt wurde, sah er aus, als hätte man ihn gerade in irgendeiner schattigen Musikveranstaltungseinrichtung aufgegriffen. Drei-Nächte-Augenringe, Fünftagebart, Siebenwochenfrisur. So ähnlich stellt man sich in Stuttgart, München oder all den anderen Finanzausgleichgeberstädten wahrscheinlich den personifizierten Berliner Charme des Unfertigen vor. Wie er auch in der Hauptstadt selbst gern in die politischen Festreden implantiert wird. Es sei denn, es geht dabei um Baustellen.

Nun soll der Musikmanager, Buchautor, Radiomacher und einstige Universal-Deutschland-Chef ab 28. April in den zwei Jahren, die ihm bis zur nächsten Wahl bleiben, zwar keinen Großflughafen zusammennageln. Aber in der Berliner Kulturpolitik liegt ja auch jede Menge Geröll herum. Von der unterfinanzierten Freien Szene – die zu gern die Hälfte der Einnahmen aus der neuen City-Tax gehabt hätte, die ihr Renners Vorgänger, der wegen Steuerhinterziehung geschasste Andrй Schmitz, versprochen hatte – bis zum Berliner Ensemble, der Volksbühne und der Staatsoper, wo er sich ziemlich bald auf die Suche nach Ersatz für die in Ruhestand gehenden Altintendaten Peymann, Castorf und Flimm machen sollte.

Es gibt eine kleine Begebenheit am Rande von Renners Vorstellung im Rathaus vor zwei Wochen, die ganz gut die Erwartungshaltung an ihn illustriert. Da steht Jochen Sandig vom Radialsystem an der Seite und erzählt, wie sehr ihn Wowereits Personalcoup überrascht habe: „Mutig. Fand ich gut.“ In diesem Moment schlendert der Regierende Bürgermeister vorbei und koddert, sichtlich verzückt von seinem eigenen Geistesblitz: „Na, wenn wa euch noch überraschen können! Ist doch schon mal wat.“

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Zwar hat Klaus Wowereit zuvor in seiner kurzen Rede der freien Kunst- und Kreativszene auffallend viele warme Worte gewidmet. Ob sich aber daraus wirklich ein Paradigmenwechsel in der Berliner Kulturpolitik ableiten lässt? Renner könnte sich nämlich auch als Wowereits Placebo für die Subkultur erweisen. Zum Beispiel, wenn er die City-Tax, wie es etwa Sandig von ihm „persönlich erwartet“, nicht noch einmal neu aufzuschnüren vermag. Und das ist, der Doppelhaushalt 2014/15 steht, nicht ganz unwahrscheinlich. Aber ein Placebo kann ja auch wirken. Man muss nur fest daran glauben.

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Den Seiteneinsteiger als politisches Leichtgewicht zu betrachten, ist allerdings ebenso trügerisch. Renner ist nicht nur ein großer Netzwerker. Er weiß auch, wie man Wege durch Institutionen findet, seit er eine Plattenfirma als Praktikant betrat und erst als Chef wieder verließ. Zudem kann er unpopuläre Entscheidungen durchsetzen; den Universal-Umzug von Hamburg an die Spree lehnte die Belegschaft fast einhellig – und vergeblich – ab. Und Renner hat ein Talent für Effekte. Zum zehnten Geburtstag seines Motor-Labels ließ er 2004 die von ihm entdeckten Pyro-Rocker von Rammstein, verkleidet als BDM-Mädels, für wenig Geld im entkernten Palast der Republik spielen. Große Klappe zu kleinen Kosten: für den neuen Job keine üble Kernkompetenz. Das Timing passt auch. Zuletzt beriet er Westernhagen. Man könnte sagen: Tim Renner hat jetzt gerade noch die Kurve gekriegt.

Text: Erik Heier

Foto: imago stock & people

 

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