Stadtleben

Xenon in Schöneberg

XenonEs duftet nach frischem Popcorn. Andreas Wieske hat eine Schale Mais in den Automaten gekippt, jetzt ploppen die Körner munter. Den Film legt er in ein paar Minuten ein, dann wird im Saal Ewan McGregor von seinem alten Vater erfahren, dass der eigentlich schwul ist. Für ein paar Zuspätgekommene fasst Wieske noch rasch die Anfangsszene zusammen. Danach hat er Zeit. Oft liest der Kinobesitzer dann, momentan einen Wälzer von Jonathan Franzen. Manchmal rechnet er auch und entscheidet, ob er in den nächsten 14 Tagen das Programm ändert oder nicht. Im Sommer läuft das Geschäft schwieriger. „Durchs Sommerloch muss jedes Kino“, sagt er gelassen. Mit der Bilanz seines Ein-Saal-Kinos ist er zufrieden. „Die Zuschauerzahlen steigen wieder.“ Die Mischung aus Queer Cinema und dem verstärkten Fokus aufs neue deutsche Kino funktioniert offenbar. Dass der S-Bahnhof an der Julius-Leber-Brücke um die Ecke eröffnet hat, dazu neue Cafйs, hat auch nicht geschadet.

Vor allem aber lässt sich wohl kaum ein Betrieb der Welt ökonomischer führen als Wieskes Kino. Dafür hat der gebürtige Hamburger konsequent eingespart. „Meinen letzten Vorführer habe ich vor anderthalb Jahren entlassen müssen“, erzählt er. „Er hat hier schon seit den 70er-Jahren vorgeführt.“ Im Unfrieden ist hier niemand gegangen, der mal zur Crew gehörte, auch Jörg Buttgereit nicht. Der Schöneberger Underground-Filmer ist an dem Tag auch mal wieder da mit seiner Frau. Dem Kiezkino ist er seit Langem verbunden, fing hier in den 80ern als Vorführer an. Da gehörte Wieske noch dem quirligen Kinomacher-Kollektiv Sputnik an, das Xenon rekrutierte seine Betreiber aus der Punkrock-Szene.

Buttgereits Erinnerungen an das Kiezkino reichen sogar bis in die Kindertage zurück, als er hier nachmittags Monsterfilme anschaute und mit der Kassiererin um „Godzilla“-Plakate verhandelte. Später dann der Job am Projektor „im kleinsten Vorführraum der Welt“, außerdem obskure Filmnächte а la „Ghandi/Zombie/Bambi im Dreierpack“. „Wir waren halt Punkrocker, die das Programm machten“, erzählt Buttgereit fröhlich. Seinen eigenen Splatter-Klassiker „Nekromantik“ hat er zum Teil hier gedreht, inklusive ehemaliger Kollegen in kleinen Rollen. „Ohne Andreas würde es das Kino gar nicht mehr geben“, glaubt er. „Er macht es im Grunde ganz nach seinen Idealvorstellungen, braucht niemanden um seine Meinung fragen. Und er opfert sich dafür auf. Das ist schon derselbe Spirit, den wir damals hatten.“ Als die letzten Besucher blinzelnd aus dem Kinosaal hinaus ins Abendlicht treten, drückt Wieske dem Filmemacherpaar einen Becher Blumensaat in die Hand: Trompetenwinde für den Balkon. Der Sommer soll ruhig kommen.     

Text: Ulrike Rechel

Xenon Kolonnenstraße 5-6, Tel. 78 00 15 30, www.xenon-kino.de

Titelthema des tip 15/2011: Das neue Schöneberg – Zwischen Gleisdreieck und Gasometer bewegt sich was

Mehr über Cookies erfahren