Stadtleben

Zarte Künstlerseelen im Blutrausch

Das Genre des Schülertheaterstücks wird eher gering geschätzt. Dem schafft Brezel Göring, die männliche Hälfte des bewährten Elektro-Pop-Duos „Stereo Total“ („Du bist gut zu Vögeln“), nun mit einem vorbildlichen Buch im Reclam-Look Abhilfe: „Unbehagen in der Mittelstufe“. Garantiert frei von der Zumutung, pädagogisch wertvoll zu sein, reicht das Spektrum der zehn Dramen vom politischen Theater („Wie entführt man einen Politiker?“) bis zum Splatter-Historienstück („Friedrich II.: Die zarten Künstlerseelen im Blutrausch“).
Auch den Bedürfnissen der jugendlichen Orientierungsphase wird Rechnung getragen, zum Beispiel mit einem der Berufsberatung gewidmeten „Monolog, notfalls auch ohne Zuhörer“ unter dem verheißungsvollen Titel „Traumberuf Trinker“. In der Tradition des Regie- wie des Kasperletheaters (falls es zwischen den beiden Gattungen einen Unterschied geben sollte) widmet sich der Autor der Neuinterpretation klassischer Stoffe unter besonderer Berücksichtigung politischer Korrektheit und ihres Gegenteils. Was könnte dafür geeigneter sein als Shakespeares hinkender, verkrüppelter Serienmörder Richard III. „Körperliche Gebrechen beschränken scheinbar nur, / denn jede Behinderung erzeugt eine neue Subkultur. / Darum lasst mich mit diesem Stück ein Beispiel geben, / von einem Behinderten, der etwas Interessantes macht aus seinem Leben“, dichtet Brezel Göring, der erste Dramatiker, der „Aktion Mensch“-Poesie schlüssig mit Massakern im Heiner-Müller-Stil zu verbinden versteht. Als Spielstätten seiner Werke empfiehlt der Dramatiker „vermüllte Kinderzimmer und dunkle Schränke“.

Brezel Göring: Unbehagen in der Mittelstufe
Schülertheaterstücke, Verlag Martin Schmitz, 128 Seiten, 14,80 Ђ.

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