Stadtleben

Zerstörung

Es ist ja gar nicht so neu, dass es Leute gibt, die nur so tun, als wären sie Politiker, und damit dem hohlen Teil des Politbetriebs die Maske vom Gesicht reißen. Lange vor Hape Kerkeling oder Martin Sonneborn gab es ja schon Dr. Uwe Brömme, ein Charakter aus der Harald- Schmidt-Show, der an allen Sicherheitsbeamten vorbei in den wenig gefüllten Plenarsaal im Reichstag schritt und als gefälschter CDU- Politiker ins Mikro rief: „Zukunft ist für alle da„.
Ähnlich hohl sind die Sprüche auch jetzt wieder im Bundestagswahlkampf. Der Claim „Wir haben die Kraft“ könnte auch auf Plakaten von Energieversorgungs- Unternehmen oder von Hertha BSC stehen.

Und daher ist es schön, dass es in Berlin viele Menschen gibt, die sich derlei Kreativverweigerung von Werbeagenturen nicht bieten lassen und die Wahlpla­kate massenweise verunzieren. Man muss kein Neonazi sein, um es zu goutieren, wenn Wirtschaftsminister Guttenberg ein Hitlerschnäuzer gemalt oder Gregor Gysi mit
roter Nase zum Clown verschönert wird. Oder massenhaft Farbbeutel auf grinsenden Politikergesichtern zerplatzen. Das Zerstören von Wahlplakaten ist ein be­grüßenswerter Ausdruck von politischem Bewusstsein und hat in Berlin eine lange Tradition. In jedem Wahlkampf kann man sich darauf verlassen, dass die ein­fallslose Wahlwerbung durch beherzte Schmierer aufgepeppt wird. Macht kaputt, was euch kaputt macht – hier wird dieser Slogan noch beherzigt.
Das ist die gute Seite. Es gibt natürlich auch die andere Seite der typischen Berliner Zerstörungswut: Die sinnlos zertretenen Fahrräder, die man ständig an Laternenmasten sieht, gehören genauso dazu wie die massenhaft abgefackelten Autos, unter denen erstaunlich viele Familienkutschen sind. Dabei teilen die radikalen Linken ihren Argwohn allen Statussymbolen gegenüber mit vielen Spießern in der Stadt. Als einmal ein Privatradiosender einen Porsche an einen Kran weit über dem Potsdamer Platz aufhängte und seine Hörer entscheiden ließ, ob er fallen gelassen oder verlost werden soll, war eine Mehrheit für die Zerstörung des Sportwagens.

Die Zerstörungsseligkeit teilen die Berliner im Übrigen allerdings mit ihrer Regierung, die gern mit riesigen Abrissbirnen die Vergangenheit heimsucht, besonders wenn diese Vergangenheit aus der DDR kommt. Der Palast der Republik war nur der traurige Höhepunkt einer beispiellosen Kaputtmachorgie.Es heißt immer, Berlin sei dazu verdammt, immer zu werden und nie zu sein. Wer mit so leichtem Herzen zerstört, hat leicht reden.

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