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Stadtleben

Zoff wegen Ferienappartments in Wohngebieten Berlins

Daniel Dagan (64), grüner Pasch­minaschal zu schwarzer Lederja­cke, zieht mit seinem Zeigefinger Bahnen über die metallgrauen Briefkästen in der Wil­helm­straße 90. Immer wieder stoppt er bei einem Namen und sagt „diese Person existiert nicht“. „Mit dem Trick der fiktiven Namen will der Vermieter den Eindruck erwecken, es sei ein normales Wohn­haus.“ Wie ein Mantra wie­derholt Dagan das Wort „Hotel“, um die eigentliche Wohnart deutlich zu machen. Noch deutlicher sagt er „illegales Hotel“. Der aus Kairo stammende Journalist wohnt seit zehn Jahren in den Ministergärten in Mitte, den Wohnblocks der Wilhelmstraße mit Blick auf das Holocaust-Mahnmal – inmitten von Touristen.
Millionen kommen jährlich nach Berlin. Im Jahr 2008 zählte das Statistische Landesamt knapp acht Millionen Gäste bei rund 18 Millionen Übernachtungen. Das touristische Berlin wird wirtschaftlich und politisch gesponsert. Die Stadt lebt vom Touris­mus. Da ist es politisch kaum korrekt, laut zu fordern, den roten Teppich für Touristen einzurollen. Auch nicht, wenn sich die Urlauber in den Kiezen und Wohngebieten als Nachbarn auf Zeit einmieten und danebenbenehmen.

Dagan engagiert sich in der Bürgerinitiative Wilhelmstraße. Eine Umfrage der Initiative belegt, dass 240 von rund 900 Wohnungen bereits als Ferien­appartements genutzt werden. Man erkennt die Wohnungen schon von Weitem an den einheitlich weißen, in der Mitte gerafften Gardinen. Der ortsfremde Reisende verirrt sich da schnell auf der Suche nach seinem Appartement und bittet den Anwohner um Auskunft. „Wir sind hier die Conciиrge“, sagt Dagan. Zimmerlautstärke wird in dieser Wohngegend zur Ausnahme und Verschmutzung rücksichtslos hingenommen. „Die Touristen lassen Papier und Zigaretten im Hausflur“, so steht es u.a. im Störprotokoll der Initiative. Seit das Zweckentfremdungsverbot für Wohnungen vor einigen Jahren aufgehoben wurde, kann im Grunde jeder aus seiner Wohnung eine Ferienwohnung machen.

Die Ferienwohnung muss nicht gemeldet werden, da sie nicht als Beherbergungsstätte gilt und wird damit auch nicht in den Tourismusstatistiken erfasst. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband schätzt derzeit über 10.000 Ferienwohnungen mit circa 1,5 Millionen Übernachtungen. Für die Besitzer der Wohnungen ein lukratives Geschäft. So meldet jetzt HouseTrip, ein Online-Marktplatz für Ferienwohnungen, dass Wohnungseigentümer im Schnitt knapp 50.000 Euro pro Jahr mit den Vermietungen verdienen können.
„Die Überbelegung der Wohnungen ist geplant, das Hotel bietet Aufbettung, und weil es keine Kontrolle gibt, kommen Touristen mit Luftmatratzen. Dann sind 20 Leute in der Maisonettewohnung, die für maximal zehn Personen ist“, erklärt Dagan. Der Mieter, der sich die Etage mit der Maisonettewohnung teilt, sagt: „Natürlich kriegen wir die Touristen mit, den Lärm und den Müll, die Partys von betrunkenen Gruppen. Wir leben auf einem Bahnhof.“

Ein Müll­laster der Firma Alba hält vor der Wilhelmstraße 90. Die Müllräume sind überfüllt, die Mülltüten stehen sogar vor den Türen. Die Entsorgung geht auf Kosten der Mieter. Hier in der Hausnummer 90 sind schon 50 Prozent von 21 Wohnungen touristisch umfunktioniert. „Eine Wohnung ist leer“, sagt Dagen, „ich vermute, die Handwerker sind schon da, um auch diese in ein illegales Hotel zu verwandeln.“ Eigentlich vermutet er hinter dem Ferienbetrieb eine systematische Vertreibung der normalen Mieter, damit auf dem Areal der Wilhelmstraße Luxus­appartements und Einkaufspassagen entstehen können. Für ein Haus gibt es bereits eine Abrissgenehmigung. Isa Mewitz (16) wohnt hier in der Wilhelmstraße 57 mit ihren El­tern schon ihr ganzes Leben. Neben dem Hauseingang finden sich ein Souvenirladen und ein Spätkauf. Früher war das Wohnen in der Wilhelmstraße ruhiger. Heute poltern die Touristen mit ihren Koffern über die Flure, und die Putzkolonnen blockieren die Fahrstühle.

Auf Mewitzs Etage sind zwei Ferienappartements. „Die Touris­ten klingeln andauernd bei uns, weil sie ihr Appartement nicht finden. Manchmal wollen sie sich auch Eier oder Küchengeräte leihen.“ Die Mewitzs sind genervt von der ständigen Belästigung, aber weg wollen sie nicht. Das Servicebüro der Apart ­GmbH, Dagan nennt es „Rezeption“, vermietet die Wohnungen an Touristen. Auf Nachfrage der Autorin, ob Musikerfreunde (die auf ihren Instrumenten proben müssen!) übers Wochenende eine Wohnung mieten könnten, sagt eine Angestellte: „Kein Problem, solange sich keiner der anderen Gäs­te beschwert.“ Mir wird gleich die Maisonettewohnung für 240 Euro pro Nacht angeboten. Den Schlüssel könnten wir auch mitten in der Nacht erhalten, die Betten sind bezogen, und die Handtücher liegen bereit. Aber kein Verweis auf die Hausordnung oder normale Mieter.

Die Wilhelmstraße ist bereits Thema in der Bezirksverordnetenversammlung in Mitte. Die Linke fordert ein Verbot, und die FDP zumindest eine Beschränkung touristischer Wohnungen. Aber der Bezirk kann nicht viel ausrichten, der Senat muss hier entscheiden, und der blockt. Der Grund: Noch gilt der Wohnungsmarkt als nicht angespannt. Aber Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer lässt bereits Rechtsvorschriften prüfen, ob solche Vermietungen ein Gewerbe darstellen.

Denn die Ferienwohnungisierung ist überall. „Wie ein Krebsgeschwür streut sie auf den gesamten Wohnungsmarkt“, so Joachim Oellerich vom Berliner Mieterverband. In der Zähringer Straße 20/21, Nähe Ku’damm, sind knapp ein Drittel der 60 Wohnungen für Touristen. Auch hier gibt es eine Bürgerinitiative. Ein Kreuzberger erzählt, wie schwedische Touris­tengruppen die Hinterhofbalkone in seinem Haus bevölkern und ihn aus dem Schlaf reißen oder nicht einschlafen lassen. An einigen Bars in Kreuzkölln hängen Schilder mit „Please respect the Locals“.
Ohne einen Mindestbestand an normalen Mietern, warnt Christof Schaffelder im MieterEcho, würden ganze Stadteile durch die touristische Monokultur veröden. Und Oellerich sieht eine „echte Bedrohung“ durch die Ferienwohnungen, weil sich der Wohnungsmarkt verengt: „Gerade für Einkommensschwächere ist es heute schwierig, eine Wohnung zu finden.“ Die Touris bringen zwar Kaufkraft in die Kieze, Geld fürs arme Berlin. Richtig sexy finden das aber nur die Vermieter von Ferienwohnungen.

Text: Silke Weber
Fotos: www.flickr.com_photos_Erchie, Judith Triebel/tip

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