Stadtleben

Illegale Party am Stadtrand

Schon vom bloßen Hinsehen high: selbst kreierte Party-Lampe des Partykollektivs

Ein später Abend, irgendwo am Rande von Berlin. Ein paar Leute stolpern über eine dunkle, unbefestigte Straße. In der Luft liegt ein fernes Basswummern. Jetzt wissen sie, dass sie hier richtig sein müssen. Nach einigem Suchen klettern sie durch einen Zaun auf ein weitläufiges Gelände. Im fahlen Mondlicht kann man verfallene Gebäude und stillgelegte Schienen ausmachen. Ein ratternder Generator steht vor einem alten zweistöckigen Haus. Die Fenster sind abgeklebt. Nur durch einen schmalen Steifen dringt grellbuntes Licht. Hier muss es sein. Sie öffnen die Tür. Das Erdgeschoss ist erleuchtet und eine Treppe führt nach oben.

Im ersten Stock empfangen die Besucher eine aufgedrehte Partymeute und ohrenbetäubender Techno. Ja, hier ist es. Eine Party, die von einer Gruppe von etwa 20 jungen Leuten aus Berlin veranstaltet wird. Was sie tun, ist nicht immer ganz legal. Genauer: eher selten. Deswegen wurden in dieser Geschichte auch einige Namen geändert.

Partys wie diese haben in den 90er-Jahren zu einem Großteil den Ruf Berlins als Partyhaupstadt, der jetzt gerade zur Debatte steht, begründet. Damals, als noch viele Häuser leer standen und es nicht klar war, wem sie eigentlich gehörten. Lutz Leichsenring von der Clubcommission Berlin sagt: „Man konnte dort etwa eine Galerie aufmachen, um in den Nächten dort Partys zu feiern.“ Die Behörden hatten damals dringendere Probleme. Anders als heute. Im vergangenen Jahr seien einige Partys bereits aufgelöst worden, da hatten sie noch gar nicht richtig angefangen, sagt Leichsenring.

Es ist aber nicht so, dass diese Partys mit dem Schließen der Baulücken, der Sanierung der Abrisshäuser, dem Vermarkten der Fabriketagen verschwunden wären. Es finden sich immer neue Orte. Nur liegen sie eben weiter draußen. In den äußeren Bezirken.

Marco und Sofie sind Mitglieder der Gruppe, die sich auch scherzhaft als „aufstrebendes technoaktives Designerprodukt für umme“ bezeichnet. Sie sind Mitte zwanzig, unauffällig gekleidet und sehr freundlich. Sofie studiert noch und Marco arbeitet im sozialen Bereich. Vor zwei Jahren hat die Gruppe damit begonnen, Open Airs zu organisieren. Im Winter kamen sie auf die Idee, leer stehende Gebäude für ihre Partys zu nutzen. Seitdem veranstalten sie mindestens alle zwei Monate eine Party. Wie an diesem Abend auf dem alten Bahn-Areal am Stadtrand.

Die Szenerie liegt irgendwo zwischen Berliner Underground-Club und WG-Feier. Auf der Etage gibt es mehrere Zimmer. Im größten drängen sich die Leute um die Soundanlage und den DJ, der Vinyl auflegt. Von der Decke hängt eine Diskokugel. Nebenan ist eine Bar, an der per freiwilliger Spende bezahlt wird. In einem anderen Raum sitzen die Leute auf dem Boden und unterhalten sich.

Der letzte Raum ist leer bis auf eine irre blinkende Lampe, von der man schon beim bloßen Hinsehen high wird. Es sind um die 100 Leute da. Sie sind etwa 18 bis 35 Jahre alt und leger gekleidet: Jacke, T-Shirt, Jeans, flache Schuhe. Die Stimmung: euphorisch. Eben wie eine der frühen Techno-Partys. Später werden einige Gäste rausgehen, das Gelände erkunden, eine riesige Halle mit durchlöcherten Dach durchstreifen. Ein bisschen wie Abenteuerurlaub.

Polizei und Bezirksämter möchten sich gegenüber dem tip nicht so ausführlich zu diesem Thema äußern, da die Gesetzeslage schwierig sei. Häufig bewegen sich solche Veranstaltungen in einer Grauzone, heißt es. Zu Auflagen kann es aber trotzdem kommen. Oder mehr: Geldstrafen, Verwarnungen, Anzeigen. Das kann übrigens auch die Besucher der Veranstaltungen treffen. Solange man sich aber ruhig und kooperativ verhält, kann man in der Regel größeren Ärger vermeiden.

Bekanntschaft mit der Polizei haben auch Marco und Sofie schon gemacht: „Das war eigentlich ganz harmlos“, sagt Marco, „da sind zwei Bullen vorbeigekommen. Ich glaube, der eine hat sogar gesagt, dass wir weitermachen können. Der andere meinte: ‚Nee, das geht nicht‘ und hat uns ’ne Stunde Zeit gegeben, um abzubauen.“ Die Party habe dann aber doch noch ein gutes Ende gefunden: Ein Gast bot seine Wohnung aus Ausweichort an. Daraufhin ging die Party dort mit 50 Leuten weiter, erzählt Marco.

Ein anderes Mal war nicht ganz so harmlos: „Wir hatten ein Open Air in einem Park gemacht und waren auch schon längst beim Abbauen. Aber die sind mit bestimmt sieben Polizeiautos gekommen“, sagt Marco. „Ich war da mit ’nem Kollegen, der glücklicherweise noch nüchtern war – im Gegensatz zu mir. Und ich kann mich noch an diesen Moment erinnern, wie sie den Alkoholtest bei ihm machen und der eine Bulle zu seinem Vorgesetzten sagt: ‚Scheiße, der ist nüchtern.'“ Marco grinst. „Wir haben eigentlich immer Glück gehabt“, setzt Sofie hinzu. Sollte sie allerdings das Glück verlassen, drohen ihnen Anzeigen und Geldbußen bis zu einer Höhe von 50?000 Euro.

Ein verdammt hohes Risiko. Warum gehen die dieses Risiko ein? Für Marco ist es vor allem der „immense Spaß“, für Sofie eine „Überzeugungssache“: Weil die Partys immer kostenlos sind, könne „jeder, der will, dorthin kommen und ein Teil davon sein“. Außerdem fände sie es schade, den ganzen Gebäudeleerstand in Berlin nicht zu nutzen: „Alles modert nur vor sich hin und keiner kümmert sich drum. Warum also sollte man dort nicht mal ’ne Party feiern?“ Er ergänzt: „Es ist doch schön, solche Orte zum Leben zu erwecken.“

Da sich das „Designerprodukt“ der Wagnisse bewusst ist, die es eingeht, ist es auch gar nicht daran interessiert, bekannter oder gar populär zu werden. Denn mit steigender Besucherzahl steigt auch das Risiko, erwischt zu werden.

Von kommenden Partys erfährt man nur durch Mundpropaganda oder auf ihrer Facebook-Seite, auf der allerdings nur das Datum veröffentlicht wird. Um den Ort zu erfahren, muss man ihnen eine Nachricht schreiben und auf eine Antwort hoffen. Wenn es ihnen zu viele Fans werden, wollen sie die Seite wieder löschen.

Es ist kalt geworden an diesen Abend, die Leute von draußen sind zurück, tanzen sich warm. Draußen ist es jetzt ganz still. Nur ein Basswummern ist noch da. Noch ein paar Schritte durch die Nacht, dann wird es ganz verschwunden sein. Gut so. Wie hat doch Mitorganisator Marco gesagt: „Wenn dich da einer hört oder sieht, dann ist ganz schnell die Party vorbei.“

Text/Foto: Henrike Prochno

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