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Berlin verstehen

Diese Dinge nerven an Zugezogenen in Berlin am meisten

Zugezogene in Berlin können Einheimische ganz schön nerven – vor allem, wenn sie sich direkt benehmen, als würde ihnen die Stadt gehören. Vor allem machen viele, die ankommen, die gleichen Fehler. Zu hohe Erwartungen, ein zu weiches Fell – und einfach nicht das Tempo, das eine Stadt wie Berlin ab und an erfordert. Macht aber nichts, dafür sind wir ja da. Unsere Autorin erklärt euch gern, welche Fettnäpfchen ihr direkt umschiffen solltet.


Suche 2-Zimmer-Wohnung in Kreuzberg, Neukölln oder Mitte, gerne renoviert, 500 Euro warm

Zugezogene Berlin: Auf dem Berliner Wohnungsmarkt gilt leider mittlerweile: Wir sind hier nicht bei 'Wünsch dir was', sondern bei 'So isses'.
Auf dem Berliner Wohnungsmarkt gilt leider mittlerweile: Wir sind hier nicht bei ‚Wünsch dir was‘, sondern bei ‚So isses‘. Foto: unsplash

Zu wem noch nicht durchgedrungen ist, dass Berlin eine der begehrtesten Städte der Welt ist, und dass die hippen Bezirke es im Quadratmeter-Preis bald mit London und New York aufnehmen können, darf sich auf etwas gefasst machen! Viele Berliner:innen würden sich selbst ein Bein ausreißen, um eine bezahlbare Zwei-Zimmer-Wohnung in Kreuzberg, Neukölln oder Mitte zu finden, die unbefristet und halbwegs bewohnbar ist. Anstatt sich zu ärgern, einfach mal bei eBay Kleinanzeigen unter Gesuche Ein-bis-Zwei-Zimmer-Wohnung Berlin eingeben und eine Runde lachen. Und nicht wundern: Aufs Aussehen setzen ist bei der Wohnungssuche mittlerweile auch schon üblich. Übrigens ist es nicht so, als würden wir es nicht anders wollen. Aber das mit dem Mietendeckel ist ja bekanntermaßen am Bundesverfassungsgericht gescheitert.


Die Frage aller Fragen: „Eeecht, du bist aus Berlin? So richtig?“

Ja. So richtig. Ich bin in Berlin geboren und sogar hier zur Schule gegangen. Und man mag es kaum glauben: Ich habe sogar einige Freund:innen, die in Lichtenberg und Neukölln groß geworden sind. Wie ich mich dabei fühle? Richtig gut. Die Spree ist mein Zuhause, die Vielfalt Berlins ist für mich zwar selbstverständlich, aber ich weiß sie zu schätzen, jeden Tag aufs Neue. Und ich muss nicht jedes Wochenende ins Berghain gehen, um die Vorzüge dieser schönen Stadt zu spüren. Schön, dass du hier bist. Aber nur um das klarzustellen: Wir sind keine Rarität, sondern überall. Ach und natürlich kriegst du trotzdem Hilfe bei deinen brennenden Fragen: Wie komme ich ins Berghain? 12 Tipps für den Club-Besuch.


Ich will einen Kaffee, keinen Flat White for here!

Zugezogene Berlin: Vorbei die Zeiten des guten alten "Filter-Kaffe mit Milch"...
Vorbei die Zeiten des guten alten „Filter-Kaffe mit Milch“… nur Zugezogene bestellen in diesen Berliner Cafés. Foto: Imago/Cavan Images

In Berlins Szenebezirken soll es gastronomische Einrichtungen geben, in denen das Beherrschen der englischen Sprache als Bedingung für das Bestellen eines Kaffees vorausgesetzt wird. „Sorry, English please?“ Richtige Ur-Berliner:innen sucht man in diesen Etablissements vergeblich. Und die Jungen kapitulieren und passen sich an. Der Ü-50er, der vor dir in der Schlange einen Flat White to go bestellt, ist sicher kein Berliner.


„Sag mal was auf Berlinerisch?!“

Zugezogene Berlin: Ein Trugschluss: Alle Berliner*innen sprechen Berlinerisch...
Ein Trugschluss: Alle Berliner:innen sprechen Berlinerisch. Foto: Imago/Hettrich

„Du kommst aus Berlin?! Cool, sag mal was auf Berlinerisch!“ Ähm… Ick kann mir jetze einen abbrechen, aber wirklich authentisch wird das nicht klingen. Der Berliner Dialekt existiert natürlich, wird aber vor allem in den Ost-Bezirken gesprochen. Und den wirklich harten Slang sucht man bei Berliner:innen der Generation Y und Z sowieso vergebens. Tut mir leid, dit wird nüscht… Obwohl, zumindest einige Berliner Beleidigungen haben viele drauf, kann man ja immer gebrauchen.


„Die langen Fahrtwege sind ja sooo nervig.“

Wer in Schöneberg wohnt und in Weißensee arbeitet, fährt in Berlin morgens schon mal gut und gerne eine knappe Stunde, um von A nach B zu kommen. Sich darüber aufzuregen, käme Berliner:innen nicht in den Sinn. Die Perle an der Spree ist nun mal kein 100-Seelen-Dorf, sondern eine 3,8-Millionen-Stadt. Gut gemeinter Ratschlag: Wem es wichtig ist, dass er einen Katzensprung von der eigenen Arbeitsstelle entfernt wohnt, der sollte ins beschauliche Bottrop ziehen.


„Ich kann nicht schlafen, wenn die unter der Woche am Späti feiern…“

Zugezogene Berlin: Picheln am Späti – was gibt es Schöneres?
Picheln am Späti – was gibt es Schöneres? Foto: Imago/Gudath

Berlin hypen, aber sich über die Späti-Partys aufregen? Das geht nicht! Unsere Mutterstadt ist voller kreativer Menschen. Voller Nachtschwärmer Ausgestoßener, Sonderlinge und Student:innen, die es nicht kümmert, ob Montag, Mittwoch oder Samstag ist. Sie machen die Stadt reicher, sind jedoch oft selbst nicht sonderlich gut bei Kasse – und das Bier am Späti ist nun mal günstig. Vielleicht haben uns am Ende auch gefrustete Kleinstädter Corona beschert – damit sie wenigstens mal ein paar Monate Ruhe vor dem Fenster haben.


„Hermannplatz und Kotti sind eklig, wer will da wohnen?“

Zugezogene Berlin: Der Kotti ist auf seine ganz eigene Art ein beschauliches Plätzchen.
Der Kotti ist auf seine ganz eigene Art ein beschauliches Plätzchen. Foto: Imago/ Steinach

Entschuldige mal, aber dit is Berlin! Ich finde es auch nicht schön, wenn das Erste, das ich morgens beim Kaffeeholen sehe, eine Pisspfütze oder Taubenkacke ist. Oder wenn ich noch im Halbschlaf von einem Obdachlosen um Geld angeschnorrt werde. Das Kottbusser Tor ist vor allem ist ganz sicher kein einfacher Ort. Aber diese Abgründe gehören zu Berlin, wie die Schwaben-Muttis nach Prenzlberg. Wer sie nicht sehen, und die Vorzüge des dreckigen Hermannplatzes nicht erkennen will, die urbane Echtheit, das Unverblümte – der sollte wegziehen, und zwar sofort – Yallah! Alle anderen können sich auch an Berlins härtesten Orten direkt eingewohnen.


„In Berlin sind alle so unfreundlich…“

Zugezogene Berlin: Berlin ist hart, aber herzlich.
Berlin ist hart, aber herzlich. Foto: unsplash/Alev Takil

Mäuseken, wir meinen es doch nicht so. Wer Berliner:innen als unfreundlich tituliert, schaut oder besser hört nur oberflächlich hin. Unter der schroffen Schale des Berliner Umgangstons verbirgt sich waschechte Herzlichkeit. Einfach mal beim nächsten „Geh sterben“ hinhören, was da noch so subtil mitschwingt. Außerdem: Wer hier leben und glücklich sein will, sollte sich besser an die Berliner Art gewöhnen – oder noch besser: sich anpassen. Einfach mal zurückrotzen (verbal!), versprochen, wirkt wahre Wunder.


Zurückbleiben bitte: „Würde ich ja gerne…“

Zugezogene Berlin: Wenn die U-Bahnfahrt mal wieder zum Ringelpiez mit Anfassen wird...
Wenn die U-Bahnfahrt mal wieder zum Ringelpiez mit Anfassen wird. Foto: Imago/BRIGANI-ART

…nur leider ist die Bahn mal wieder jerammelt voll! Ich kann kaum gerade stehen, ohne alle paar Sekunden unsanft einen Ellbogen in die Seite zu kriegen. Geschweige denn mir mein Smartphone vors Gesicht halten, ohne dass fünf andere Augenpaare daran kleben. Bloß nicht auf den nächsten Zug warten, Atmen wird ja überbewertet. Also natürlich nur, wenn nicht Pandemie ist, dann wird es durchaus etwas luftiger. Zu Stoßzeiten aber immer noch nicht leer. Übrigens eignen sich Berlins Öffis ganz hervorragend, um die Stadt zu erkunden. Tipps für alle neun U-Bahn-Linien findet ihr hier.


„Berlin ist keine Stadt zum Altwerden“

Zugezogene Berlin: Zwei Renter*innen auf einer Bank in einem Berliner Park. Keine Stadt zum Altwerden?
Zwei Renter:innen auf einer Bank in einem Berliner Park. Keine Stadt zum Altwerden? Foto: imago images/Eckel

Ach so? Gammelst du hier deshalb noch mit 38 und studierst im elften Semester Theaterwissenschaften? Wo würdest du denn gerne alt werden? Irgendwo in Süddeutschland, wo die Kühe grasen und es weniger Junkies gibt? Na dann halt dich ran, in Berlins Altenheimen klatscht es auch keinen Beifall…


„Also ich chille im Soho House – und du so?“

Zugezogene Berlin: Das Soho House ist eine der exklusivsten Adressen Berlins. Berliner*innen machen sich da eher wenig draus...
Das Soho House ist eine der exklusivsten Adressen Berlins. Berliner:innen machen sich da eher wenig draus. Foto: imago images/POP-EYE

Da wäre das manchmal etwas unschöne, aber authentische Berlin: Bettelnde Penner am U-Bahnhof Schönleinstraße, verrauchte Kneipen, zwielichtige Wettbüros. Und da wären Berlins exklusive Adressen, Glanzlichter von Weltruf – wie etwa das Soho House. Für manche Wahlberliner:innen bedeutet eine Mitgliedschaft im Soho House, auf ultimative Weise angekommen zu sein in der Hauptstadt. Berliner*innen schert das herzlich wenig. Auf der protzigen Dachterrasse am Rosa-Luxemburg-Platz bleiben Zugezogene unter sich. Im Frühjahr 2021 hat sich das Soho House übrigens keinen Gefallen damit getan, die Bottega-Veneta-Crew trotz Corona feiern zu lassen. Ganz schlechter Stil. Und übrigens: Auch, wenn das Soho House das gern so hätte: Es steht nicht in Mitte, es steht in Prenzlauer Berg, das sieht man auf jedem Stadtplan.


Darf ich vorstellen? Straße-Gehweg, Gehweg, Straße

Zugezogene Berlin: Berlin ist die Stadt der Freiheit, aber auf der Straße laufen muss trotzdem nicht sein...
Berlin ist die Stadt der Freiheit, aber auf der Straße laufen muss trotzdem nicht sein. Foto: imago images/Gora

Man sieht sie vor allem auf ruhigen Straßen in Mitte, Kreuzberg und Friedrichshain gedankenverloren scharwenzeln: Menschen, von wo auch immer. Aus Berlin können sie nicht stammen. Denn Berliner:innen wissen, dass auch hier gilt: Auto auf die Straße, Mensch auf den dafür vorgesehenen Gehweg. Berlin fühlt sich an wie die Stadt der Freiheit, ja, aber man muss es auch nicht übertreiben.


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