Stadtleben

Zukunft

Zukunft ist für alle“, rief damals Dr. Udo Brömme, Sidekick von Harald Schmidt, hinaus in die Weite des Plenarsaals im Berliner Bundestag, nachdem er sich als CDU-Politiker verkleidet an der Security vorbeige­schmug­gelt hatte. „Zukunft ist für alle da“ – wenn es doch bloß so einfach wäre. In der Gegenwart sieht es so aus, dass sich 3000 Institutionen in Deutschland mit der Vergangenheit beschäftigen, allein in Berlin sind es mehrere Hundert: Bibliotheken, Fachbereiche, Institute, Museen. Und bald kommt mit dem wiederaufgebauten  Stadtschloss noch eine mons­tröse Zeitmaschine hinzu.

Mit der Zukunt beschäftigen sich hingegen deutschlandweit gerade mal fünf bis sechs Institutionen. Und eine der wichtigs­ten sitzt in Nikolassee – eher ein geschichts- als zu­kunfts­trächtiger Ort: Das Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (der Name klingt natürlich, als hätte ihn sich Erich von Däniken ausgedacht) wird von Prof. Rolf Kreibich geführt, der schon mit 30 Jahren Präsident der Freien Universität war. Aber 1968 war man ja auch irgendwie weiter als heute und Kreibich seiner Zeit eh immer voraus.
Der freundliche, grauhaarige Kreibich beschäftigt sich vor allem mit der zukünftigen Versöhnung von Mensch und Umwelt – sieht also als einzigen realistischen Masterplan eine ökologische Wende und den Kampf gegen soziale Ungleichheiten zwischen Erster und Dritter Welt, um Flüchtlingsströme und Kriege zu vermeiden. Nebenher zählt er auf dem Weg zur Arbeit die SUVs, die in der zweiten Reihe vor dem Kindergarten parken und verzweifelt an dem Teil der Menschheit, der gut geschminkt am Steuer sitzt. Am Herzen liegt ihm Berlin, dessen Zukunft ja für viele augenfällig ist, nur eben nicht für die entscheidenden Personen wie etwa den Bürgermeister, der dieser Tage wahrscheinlich eh damit beschäftigt ist, seine Spikes bei Ebay zu verkaufen, mit denen er es trotz vereister Straßen ohne Knochenbruch durch den Winter geschafft hat.

Die Zukunft Berlins aus Sicht des IZT ist sonnenklar: Eine Stadt der Bildung und Kultur, der Lehre und Forschung, Vorreiter für ressourcenschonende Nahverkehrssyteme und energie­effizientes Bauen. Die Realität ist bitter: Die U-Bahn-Karte in Berlin kostet fast das Dreifache von einer in Madrid, das Geld für die Unis ist knapp, und für das einmalige Areal vom Flughafen Tempelhof gibt es nicht mal den Ansatz einer visionären Idee. Wahrscheinlich ist Wowereit der Gedanke sympathisch, der Rolf Eden im Kopf herumgeht. Der reiste schon mal in die USA, um mit dem Disney-Konzern über ein zweites Euro-Disney zu sprechen. Sie tun nicht, was sie wissen – sagt Kreibich über die Gegenwart. Die Zukunft muss wohl warten.

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