Stadtleben

Zukunft bauen: Leben in der Stadt

Das Leben in der Stadt ist ganz sicher kein Auslaufmodell, aber das Konzept stößt doch an seine Grenzen. Weil es innerhalb dieser Grenzen vor allem an einem mangelt – und das ist Platz. Es ist in Anbetracht dieser Problemstellung auch nur wenig hilfreich, dass die Urbanisierung – anders als beispielsweise in den Schwellen- und Drittweltländern – inzwischen an Geschwindigkeit eingebüßt hat. Städte sind unser wichtigster Lebensraum und werden es auch in Zukunft bleiben.

Die Vogelperspektive täuscht: Berlin ist für die wachsenden Einwohnerzahlen doch nicht groß genug.Foto: sborisov / fotolia.com
Die Vogelperspektive täuscht: Berlin ist für die wachsenden Einwohnerzahlen doch nicht groß genug.
Foto: sborisov / fotolia.com

Die Herausforderung ist deshalb ebenso klar, wie sie groß ist: Wohnraum muss her. Der wiederum verschiedenste Kriterien erfüllen muss, von der Lebensqualität über die Anforderungen einer nachhaltigen Lebensweise bis hin zu so pragmatischen Dingen wie der Bezahlbarkeit. Das alles vor dem Hintergrund bestehender (Infra-)Strukturen, die aus städteplanerischer Sicht oft nur eingeschränkten Handlungsspielraum lassen. Um die Zukunft der Stadt als erstrebenswerten Lebensraum zu bewahren, braucht es also schon jetzt kreative Lösungen.

Es wird eng

Denn die Verlangsamung der Urbanisierung ist ein sehr relativer Begriff. Beispiel Berlin: Die Tendenz zum weiteren Wachstum der Stadt bleibt bestehen, der letzte Wohnungsmarktbericht bestätigt das. Andere Prognosen gehen sogar davon aus, dass es weiterhin 80.000 Menschen in die Hauptstadt ziehen wird. Jedes Jahr. Gemessen an der Gesamteinwohnerzahl von rund 3,5 Millionen ist das für den Wohnungsbau schon eine Belastung. Ganz zu schweigen von der Belastung, die diese Situation für die Wohnungssuchenden darstellt, vor allem aus finanzieller Sicht. Begrenztes Platzangebot plus ständig steigende Nachfrage ergeben unter dem Strich wenig überraschend steigende Preise.

Da bieten auch Mittel wie die Mietpreisbremse kaum Hilfe, weil damit bestenfalls die Symptome, nicht aber die Ursachen angegangen werden. Die Höhe der Mieten ließe sich so vielleicht deckeln, die Problematik der Wohnungs- und Platzknappheit bleibt aber trotzdem weiterhin bestehen. Und damit eben auch das Problem, neuen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

In der Stadt pulsiert das Leben mit all seinen Facetten – kaum überraschend also, dass es die Menschen trotz steigender Miet- und Immobilienpreise dorthin zieht.Foto: sborisov / fotolia.com
In der Stadt pulsiert das Leben mit all seinen Facetten – kaum überraschend also, dass es die Menschen trotz steigender Miet- und Immobilienpreise dorthin zieht.
Foto: sborisov / fotolia.com

Egal wie sehr das dauertiefe Zinsniveau einen anderen Eindruck vermittelt, an privates Bauen ist in Ballungszentren im Prinzip gar nicht zu denken. Nicht mit der günstigsten Finanzierung, nicht mit der größten eigenen Anstrengung, nicht in der Stadt. Hier sind im günstigsten Fall Wohnungsbaugesellschaften mit sozialem Verantwortungsgefühl am Werk, die den dringend benötigten und gleichzeitig bezahlbaren Wohnraum schaffen können – und wollen. In den Randlagen hingegen sieht es anders aus, was wiederum oft der strukturellen Schwäche der Regionen geschuldet ist. Gerade für junge Leute ist das aber wenig reizvoll, Studium oder Job warten nun mal in den Städten.

Lösungswege für die Zukunft

Damit die Stadt als Lebensraum weiterhin funktionieren beziehungsweise überhaupt solchen Raum bieten kann, braucht es neue Ansätze. Und wo die politischen Mittel nicht greifen wollen, müssen eben andere Lösungen her. Die gibt es in der Tat und auch wenn sie derzeit vielleicht noch futuristisch-utopisch anmuten, bieten die Beispielprojekte aus aller Welt dennoch Antworten auf so viele wichtige Fragen der Stadt- und Wohnraumgestaltung der Zukunft: Neue Gebäudestrukturen, neue Wege der Mobilität und eine neue Effizienz der Nutzung, in jeder Hinsicht. 

Zeitgenössische Antwort auf das Wohnen in Berlin: Die WerkBundStadt

Eine solche Lösung will auch der Berliner Werkbund mit seinem Projekt der WerkBundStadt liefern. Die Zusammensetzung der Beteiligten ist vielversprechend, insgesamt 33 Architekten waren eingeladen, dem Fachverband aus Künstlern, Gestaltern, Politikern, Unternehmern und Handwerkern bei der Planung zu helfen.

Charlottenburg wird umgestaltet: Mitten im Bezirk entsteht in den kommenden Jahren das neue Stadtquartier mit der WerkBundStadt. Foto: sborisov / fotolia.com
Charlottenburg wird umgestaltet: Mitten im Bezirk entsteht in den kommenden Jahren das neue Stadtquartier mit der WerkBundStadt. Foto: flyingcam / fotolia.com

Das geplante Stadtquartier in Charlottenburg-Nord bedarf derzeit noch der Vorstellungskraft, innerhalb der nächsten Jahre soll es aber Wirklichkeit werden. Auf 2.800 Quadratmetern wird dann Platz geschaffen für 2.000 Menschen und zwar, nicht wie vielfach üblich jenseits der Stadtgrenzen, mitten in der Stadt. „Verdichtung“ ist das Stichwort in diesem Zusammenhang und wo es für die sonst angewandte Zersiedelung keinen Ansatzpunkt gibt, scheint sie als probates Mittel. Bei dem trotz aller Dichte und Nähe immer noch Freiräume belassen werden – sowohl für die Menschen, die dort leben werden als auch für die potenzielle zukünftige Umgestaltung der Funktion.

Flexibel in die Zukunft: Das Ausbauhaus Neukölln

Die in der Planung der WerkBundStadt angelegte Flexibilität der Strukturen, die sich auch nachträglich noch den Bedürfnissen und Möglichkeiten ihrer Bewohner anpassen lassen sollen, ist an anderer Stelle bereits umgesetzt. In Neukölln wurde bereits vor zwei Jahren mit dem „Ausbauhaus“ ein Bauprojekt abgeschlossen, das genau diesem individuell unterschiedlichen finanziellen (und in diesem Fall auch handwerklichen) Vermögen Rechnung trägt.

Auf 1.400 Quadratmetern entstand innerhalb des Wohnblocks eine Anlage mit insgesamt 24 Einheiten, die gleichermaßen zum Wohnen wie auch zum Arbeiten verwendet werden können. Um genau zu sein, konnten sie je nach gewünschter Funktion selbst ausgebaut werden: Das Konzept sah verschiedene Ausbaustufen vor, von denen ausgehend die jeweiligen Eigentümer die Gestaltung ganz nach eigenen Wünschen vornehmen konnten.

Flexibilität war auch der grundlegende Gedanke bei der Konzeptionierung der gesamten Raumstruktur. Der Verzicht auf tragende Wände innerhalb der Einheiten erlaubt größtmögliche Gestaltungsfreiheit, ähnliches gilt für den Grundriss, der verschiedene Varianten ermöglicht. 

Urbaner Wohnbau mit „neuen“ Mitteln: Bauen mit Holz

Platzschonendes Vorgehen ist aber nur eine der Herausforderungen des urbanen Bauens, daneben spielen auch Faktoren wie Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit eine immer bedeutendere Rolle. Dabei geht es nicht allein darum, die Energieeffizienz der Wohneinheiten auf das höchstmögliche Maß anzuheben, wenngleich dieser Aspekt in seiner Bedeutung keineswegs vernachlässigt werden sollte. Es geht aber eben auch hinsichtlich der verwendeten Materialien um den Erhalt natürlicher Ressourcen und die bestmögliche Ökobilanz.

Holz ist längst nicht mehr nur schmückendes Beiwerk moderner Architektur.: schulzfoto / fotolia.com
Holz ist längst nicht mehr nur schmückendes Beiwerk moderner Architektur.
: schulzfoto / fotolia.com

Schon aus diesem Grund hat Holz als Baustoff in den vergangenen Jahren eine Renaissance erlebt. Ganz zu schweigen von seiner potenziellen Bedeutung für das urbane Bauen, unter anderem beim immer wichtigeren Bauen am Bestand. Genau dieser Thematik widmet sich daher nicht nur die Ausstellung „Bauen mit Holz – Wege in die Zukunft“ im Martin-Gropius-Bau, sondern auch das im kommenden Jahr in Berlin stattfindende Holzbauforum 2017. Übergreifendes Motto der Veranstaltung wird das „Bauen ohne Grundstück“ sein, unter dem die Möglichkeiten der Aufstockung und Erweiterung von Bestandsgebäuden diskutiert werden.

 

Serien-Fieber beim Bauen: Serieller Wohnungsbau für Ballungszentren

Trotzdem wird selbst das Potenzial der Holzbauweise nur bedingt dazu beitragen können, das Problem des fehlenden Wohnraums vollständig zu lösen – sofern das überhaupt möglich ist. Es bleibt daher die Frage bestehen, auf welche andere Art und Weise schnell neue Wohnungen geschaffen werden können. Zum Teil gibt das erwähnte Ausbauhaus eine denkbare Antwort hierauf: mit optimierten Bauprozessen, mündend in einer modularen Bauweise. Warum ist das ein Vorteil? Weil durch Fertigelemente und wiederholbare Grundrisse sehr viel schneller und damit sehr viel kostengünstiger gebaut werden kann. Wohnungsraum-Beschaffung in Serie sozusagen.

Das klingt im ersten Moment nach einer Rückkehr zu den verpönten Plattenbauten der Vergangenheit, allerdings muss aber mitnichten darauf hinauslaufen. Im Gegenteil sind sich die Verantwortlichen der deutschen Bauindustrie und der Wohnungs- und Immobilienunternehmen dieser Gefahr durchaus bewusst. Genauso wie der Anforderung, nicht nur bezahlbaren, sondern auch lebenswerten Wohnraum zu schaffen. Deshalb gilt auch beim seriellen Wohnungsbau die Maßgabe der Flexibilität – statt architektonischer Monotonie ist Anpassungsfähigkeit an die Herausforderungen demografischer Veränderungen und der Ressourcenschonung angesagt. 

Alternative Wohnkonzepte

Dass das Problem des bezahlbaren Wohnraums auch auf andere Weise zu lösen ist, kann in Berlin-Friedrichshain überprüft werden. Auch wenn die Rigaer Straße vielleicht nicht unbedingt zum gemütlichsten Wohnumfeld gehört. Oder zumindest Teile von ihr. Während die Hausnummer 94 nach wie vor als Beispiel für die Eskalation um innerstädtischen Wohnraum und die Folgen spekulativer Immobiliengeschäfte auf dem urbanen Wohnungsmarkt angeführt werden kann, beweist auf der anderen Seite der Fall von Anwohnern wie Nico Schnur, wie die Alternative aussehen könnte.

Der lebt allerdings nicht in der Nummer 94, sondern mit rund 50 Mitbewohnern in der Hausnummer 78. Die ist Eigentum der Schweizer Stiftung Edith Maryon, seit mehreren Jahren inzwischen und genauso lange schon sind die Bewohner des Hauses mit einem Erbbaurechtsvertrag ausgestattet. Mit einer Laufzeit von 99 Jahren.

Berlin-Friedrichshain kann auch soziale Wohnraumbeschaffung, dank Unterstützung durch Stiftungen.Foto: davis / fotolia.com
Berlin-Friedrichshain kann auch soziale Wohnraumbeschaffung, dank Unterstützung durch Stiftungen.
Foto: davis / fotolia.com

Für diesen Zeitraum ist die Rollenverteilung von Stiftung und Bewohnern durch das Erbbaurecht eindeutig definiert: Erstere bleibt durch die vertragliche Regelung zwar Eigentümerin des Grundstücks, das Haus selbst hat sie aber an die Einwohner – oder genauer: an die GmbH, die diese gegründet haben – verkauft. Das Grundstück wiederum wird der Stiftung mit einem jährlichen Erbbauzins abgegolten, der bei etwa fünf Prozent der Kaufsumme liegt. Unterm Strich steht dadurch für die Bewohner eine Monatsmiete von 240 Euro. Warm. In zentraler Lage. Das Erbbaurecht scheint daher ein mehr als sozialverträgliches Wohnmodell zu ermöglichen.

Jetzt sind gemeinschaftliche Projekte wie das in der Rigaer Straße 78 wahrscheinlich nicht für jeden gemacht. Obwohl sowohl der Erbbaurecht-Ansatz wie auch die übrigen hier vorgestellten Konzepte bewusst Spielraum für die individuelle Gestaltung (von Wohnraum und Lebenssituation gleichermaßen) lassen, bedeuten sie selbstverständlich immer noch eine lokale Gebundenheit. Der Traum von der persönlichen Freiheit bleibt damit erstmal auf die eigenen vier Wände beschränkt. Eigentlich keine Überraschung, denn das ist schließlich Teil der Problematik des knappen Lebensraums in der Stadt.

Aber selbst für den Freiheitsdrang gibt es eine Lösung: Die „Coodoo“ genannten Wohnelemente des Unternehmens Lofts to go bieten einerseits individuell anpassbaren Wohnraum. Andererseits sind sie ganz nach dem Prinzip des „mobile living“ gestaltet – ganz unabhängig von der Größe der Einheit besteht prinzipiell immer die Möglichkeit, den Kubus von seinem derzeitigen Platz an einen anderen zu verlegen. Falls das eigene Coodoo nicht sowieso schon in der ständig mobilen Hausboot-Variante gewählt wurde.

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