Stadtleben

Zukunftsangst am Oranienplatz

oranienplatzDenn spätestens seit der Erfolgsgeschichte der einstigen Bar 25 weiß man international, dass Berliner Szene-Orte gerne in einem improvisierten, selbst gemachten Look daherkommen. Fehlten nur noch Lampions und eine Cocktail-Bar. Tatsächlich ist die Situation am Oranienplatz jedoch Lichtjahre entfernt von jeder verklärenden Attitüde: In den notdürftigen Behausungen leben nach Einschätzung eines Bewohners derzeit rund 30, vorwiegend aus afrikanischen Ländern kommende Menschen, die nicht nur vor untragbaren Lebensumständen flohen und eine lange, gefährliche Odyssee hinter sich haben. Sie sind auch vollkommen mittellos, dürfen nicht arbeiten und haben keinen blassen Schimmer, wie ihr Leben in einem Monat, geschweige denn in einem Jahr aussehen wird. Dabei hatte es am 18. März, nachdem die Berliner Integrationssenatorin ­Dilek Kolat mit Flüchtlingen verhandelt hatte, noch überall geheißen: Flüchtlingscamp auf Oranienplatz wird nach eineinhalb Jahren friedlich geräumt.

Doch bereits einen Tag später – nach dem zweiten Runden Tisch unter anderem mit Vertretern von Diakonie und ­Caritas, einigen Flüchtlingen und den Bezirksbürgermeistern aus Mitte und Kreuzberg – stand die Einigung wieder infrage. Die von Kolat angebotene Einzelfallprüfung zur aufenthaltsrechtlichen Situation der Flüchtlinge auf dem Oranienplatz, aber auch der in der besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule sowie der bei der Caritas in Reinickendorf Untergekommenen wurde von längst nicht allen der 467 Betroffenen akzeptiert. Hauptkritikpunkt: Die Einzelfallprüfungen sollen erst nach erfolgter Räumung beginnen – und sie ändern natürlich nichts an bestehenden Asyl- und Aufenthaltsgesetzen.

Letztere aber waren nicht nur der Grund dafür, weshalb das Protestcamp am ­Oranienplatz vor eineinhalb Jahren überhaupt erst entstand. Die existierenden Gesetze könnten auch dazu ­führen, dass, je nach ihrem Aufenthaltsstatus, ein Teil der Flüchtlinge in ihre früheren Lager zurückmuss – oder gar abgeschoben wird. So veranlasste die Berliner ­Ausländerbehörde – weitgehend unbeachtet von der ­Öffentlichkeit – allein 2013 die Abschiebung von 500 ­abgelehnten Asylbewerbern und anderen Ausländern aus Deutschland. Am Oranienplatz, das wissen die Flüchtlinge, blüht ihnen dieses Schicksal nicht so schnell. Kein ­Wunder, dass sie sich davor fürchten, ihr „gallisches Dorf“ ohne echte Garantien aufzugeben.

Text: Eva Apraku

Foto: Susan Schiedlofsky

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