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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 100: Verknallt

Es fühlt sich an, als hätte jemand meinen Schädel aufgesägt und anschließend mehrere Päckchen Brausepulver übers Hirn geschüttet. Es knistert und die Welt, durch tausende rosa Bläschen betrachtet, wirkt so unaushaltbar genial, dass ich vor lauter Begeisterung andauernd Menschen in den Arm nehmen möchte – den Busfahrer vom150er, den Stoffbeutel-Alki vorm Supermarkt, die DHL-Botin – Alles und jeder sollte gedrückt werden, denn es herrscht akuter Oxytocin-Alarm im Monat Mai! Das sogenannte „Schmusehormon“ überschwemmt gerade -zusammen mit Serotonin, Neurotrophin und Dopamin- meine Hirnareale und fördert grenzdebiles Verhalten: Vierzehn Stunden am Tag Lächeln? – Null lächerlich! Sekt? -Nein danke, bin schon besoffen! Langeweile? -Unmöglich! Jacke an, Jacke aus, weil mir mal kalt, mal heiß ist. Die Handflächen schwitzen, Herz klopft, Hunger ja – Essen nein, keine Konzentrationsfähigkeit („Entschuldige, was hast du gerade gesagt?“), mehr facebooken als arbeiten, zum Beispiel um hier relevanten Gruppen beizutreten, wie „I love Kisses“ oder Statusmelungen des Begehrten chronisch zu kommentieren mit „geil“ oder „hahaha“ – Dabei im Focus immer nur die eine, über die Maßen herbeigesehnte Aktivität: knutschen, knutschen, knutschen!
Verknallt sein fühlt sich hervorragend an, hat aber auch Nachteile, vor Allem, wenn man Bestandteil der werktätigen Bevölkerung ist und die wirtschaftsschädigenden Folgen sind auch in meinem Job unübersehbar. Kritische Recherche ist nahezu unmöglich, alles scheint wunderbar, der Ball ist rund und die Objektivität im Eimer. Was bleibt ist ein Hang zur Dramatik, der durchs Verliebtsein offenbar noch verstärkt wird Als ich mich am Nachmittag des 1. Mai mit dem Verursacher des emotionalen Durcheinanders verabredete, und wir wegen der Absperrungen anlässlich der Demonstration auf der Schönhauser Allee nicht rechtzeitig zueinander gelangten, ist nur schwer zu beschreiben, was genau in mir vorging. Eilig, im Zustand höchster hormonaler Aufgeregtheit, passierte ich brennende Mülltonnen, Demonstrationszüge, Einsatzwagen der Polizei sowie mehrere Nebenstraßen um Gesuchten im Getümmel schlussendlich auf der Wisbyer ausfindig zu machen. In einer nicht wenig dramatischen Szene fielen wir uns in die Arme und verharrten in seliger Verzückung, während um uns herum wutentbrannt und laut schreiend linke Protestanten einen einzelnen Nazi jagten, der hier zuvor die Reifen eines Demonstrationswagens der Antifa zerstach. Für den Reifenstecher lief Aktion wohl nicht sehr zufrieden stellend, für uns war der Augenblick an Romantik kaum zu übertreffen und falls es sein sollte, dass sie diese Berichterstattung zum Thema ‚verknallt’, als nicht annähend so brisant empfinden , wie ich oder auch meine Mutter (Zitat: „Oh mein Gott, du hast jemand getroffen, der sich mit Computern auskennt und ihr seid verliebt!“ ), dann kann dies im Grunde nur an einem liegen: ihrem vermutlich viel zu niedrigen Oxytocin-Spiegel.

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