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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 103: Event des Jahres

 


13:00 h
Anruf von H. – berichtet, er hätte per Facebook eine Einladung ins Berghain bekommen. Riesending. Eröffnung der neuen Dachterrasse mit Liveprogramm und Swimmingpool. Bin entsetzt- habe keine erhalten!

13:04 h Anruf im Berghain: Geschäftsführer ist nicht zu sprechen, Mitarbeiter weiß von nichts -diese unkooperative Haltung gegenüber der Presse finde ich unmöglich!

13:20 h Anruf bei Kollegin: Sagt, sie hätte schon letztes Jahr davon gehört, der Pool kommt nicht überraschend. Allerdings hat sie auch keine Einladung, will nun Kontakte spielen lassen.

13:30 h H. hat die Einladung inzwischen weitergeleitet – darauf abgebildet eine Grafik des erweiterten Gebäudekomplexes, mir stockt der Atem. Das Schwimmbecken ist gigantisch!

14:00 h Anruf bei Modestudenntin K. Brauche einen Badeanzug, dem Anlass entprechend: Club des Jahres, Event des Sommers. Zu erwartendes, gesellschaftliches Who is Who: Dirk Schönberger, Sophie Reuss, Klaus Wowereit, vielleicht auch die Gaga. Eilauftrag – K. seufzt.

14.20 h Schaue mir die Einladung genauer an. Bemerke erst jetzt, die Veranstaltung ist öffentlich. Kann es kaum glauben, Anmeldung per Mausklick. Schon neunhundert bestätigte Gäste, hoffentlich kenne ich den Türsteher.

Nächster Tag

11:00 h Anprobe bei K., Überraschung: Badeanzug in gold wirkt unangemessen aufgeplustert und erinnert mehr an Zsa Zsa Gabor als Lady Gaga.

12:00 h Zurück zu Haus, lese neueste Facebook-Nachricht, wortlaut: ‚Hallo Leute. Es gibt gar keinen Pool und keine Dachterrasseneröffnung im Berghain. Die Einladung war ein Scherz, Presseente, haha!`

Haha? Muss den Text nochmal lesen, das kann nicht sein! ich meine, die kollegin sagte doch auch…Bin fassungslos.


12:06 h
Immernoch vorm Rechner sitzend – stiller Protest.

12:09 h Badeanzug einpacken und losgehen zum Berghain. irgendwas wird, ich korrigiere, muss da heute los sein.

13:00 h Vorm Berghain: „Ist noch was los?“ frage ich Türsteher, Antwort: „Klar, heute ist doch Pooleröffnung.“

13:15 h Am Tresen in der Panoramabar, bestelle Clubmate.
Keine zuckenden Körper im Stroboskopgewitter. Gedämptes Tageslicht. Roman Lindau legt auf. Leute wirken freundlich bis euphorisch. Keine GHB- Opfer, nur ein Testosteronpaket mit nacktem Oberkörper, kopfnickend zur Musik- der Kopf wirkt sehr klein.

14:00 h Neue Bekanntschaft. Typ, sympathisch aber verschallert, möchte ein Spiel machen, sagt er. drückt mir daraufhin sein Handy in die Hand und rennt hysterisch lachend davon.

14:10 h Stehe mit fremden Handy an der Bar, ratlos.

14:30 h Suche den Handybesitzer. Im Toiletteraum treffe ich V., der hier unter Amphetamineinfluss sein Hemd in der Waschbeckenrinne nicht nur sauber, sondern rein schrubbt. Es hätte Waschmittelstreifen, erklärt er aufgebracht.

15:00 h zurück an der Bar. Jemand Unbekanntes streichelt mir zirka 28 mal über den Kopf, naja. Dann gibt es auch noch Küsschen. Verschiedene Menschen umarmen sich und mich, glücksstrahlend – das wiederum finde ich gut. Liebe ist für alle da.

16:00 h Abgang Panoramabar. Keine Topstorry, kein Pool, keine Sensationen. Dafür verwischter Lippenstift im Gesicht und einen affigen Badeanzug in der Tasche – muss jetzt lächeln.
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