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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 106: Berufsrisiko

 

Der Plan war, an dieser Stelle eine schöne Samstagnacht in Berlin zu beschreiben.
Beginnend in einer Bar, endend vielleicht mit einer charmanten Tanzszene im Club und nicht etwa davor, besinnungslos auf dem Kopfsteinpflaster liegend… aber der Reihe nach:

Berufsrisiko

To Slow To Disco“ hieß der Abend im Pony und ich fühlte mich, den ganzen Tag schon so langsam unterwegs, vom Motto persönlich angesprochen.
Gegen Mitternacht betrat ich das Etablissement auf der Alten Schönhauser Straße. Die Bar war gut gefüllt und DJ Supermarkt legte Softrockmusik auf.
Das Pony ist ein Klassiker unter den Mittebars und wird im Internetforum Qype mit nur drei von fünf möglichen Sternen bewertet, angeblich weil früher auch hier mal alles besser war. Jemand schreibt: “ Die Pony Bar ist eine Kneipe mit Draußen-Sitz-Gelegenheit, ähnlich wie auf der Trabrennbahn mit Ausblick auf Jungstuten und Hengste der Medien- und Werbewirtschaft. Es gibt viel zu sehen und zu tratschen obwohl die Straße selbst eher unästhetisch ist.“
– Diese Person hat natürlich recht und deshalb fühlte ich mich hier am Abend ausgesprochen wohl und gut aufgehoben. Mein erstes Bier stand auf der Theke, als ein junger Mann im „Rammstein“ – T-Shirt mit seiner Partnerin im Arm vorbei schwebte, im Slow-Fox-Disco-Schritt. Mehr und mehr Pärchen formierten sich auf der winzigen Tanzfläche, während hinter ihnen Videos stark geschminkter Rockperformer an die Wände projiziert wurden, vorzugsweise mit Tränen in den Augen und am Klavier sitzend. An der Bar spendierte Jemand Runden mit Berliner Weiße 2.0 : Vodka mit Waldmeister und Limejuce. Dabei brachte jeder neue Schnaps ein anderes Gesprächsthema auf den Plan: Leben auf dem Bauernhof, Haltung von Minischweinen in der Stadtwohnung und Männer mit Bierbäuchen im Nachtleben – dann musste ich allerdings auf Toilette. Als ich wiederkehrte wollte ich zahlen und weiter -doch die nächste Platte war so gut, dass ich spontan zu tanzen begann, wenn auch nur langsam. Die Recherchepläne waren jedenfalls vergessen. Mehrere Stunden und Schnäpsrunden später wurden Energien aktiviert, die wesentlich besser bei der Redaktionsbesprechung am Montag aufgehoben wären, nun jedoch ging es viel zu spät mit DJ und Taxi Richtung Dorotheenstraße.
Als wir im Picknick eintreffen, ist die Peaktime der Party mit Wiener DJs, wie Patrick Pulsinger lange überschritten. Immerhin, die Morgensonne tauchte den Hof in warmes Licht und es gab genügend Platz zum Tanzen, ohne das dabei der Inhalt des Longdrinkglases verschüttet werden würde.
Gegen Mittag verließ ich mit fremder Sonnenbrille und bevorstehendem Gedächtnisverlust den Club, kam aber nicht weit. „Geht’s wieder?“ -fragte eine Stimme, als ich die Augen öffnete. Schuhe und Hosenbeine des Polizisten sah ich erst verschwommen, dann deutlich vor mir – ich war auf dem Kopfsteinpflaster vorm Club eingenickt. Beim Aufstehen bemerkte ich noch eine Beule am Kopf, wollte mich aber beim Beamten nicht beschweren. Die Antwort fiel daher kurz und sachlich aus: „Langsam schon.“

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