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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 107: Durstig in Neu Venedig

 

Wasserflasche

Zwölf Uhr mittags, der Durst ist unerträglich. Wir schleppen uns in sengender Hitze durch
Neu Venedig und haben die Wasserflasche vergessen. Seit anderthalb Stunden sind wir in der Stadtrandsiedlung unterwegs, wir haben uns verlaufen. Wir irren durch immer wieder gleiche Gassen, über immer wieder gleiche Brücken und begradigte Flüsse, die an immer wieder gleichen, rechteckigen Gärten vorbeifließen.

Paare in geringeltem Tschibo- Sweatshirts stehen am Ufer und winken anderen Paaren zu, die in Kanus vorbeiziehen, paddelnd und lächelnd. In Neu Venedig gibt es keine schmuddeligen Hinterhöfe, in denen man Nachts nach der Party noch schnell in die Ecke pinkeln könnte, wenn man’s nicht rechtzeitig bis nach Hause schaffte. Es gibt keine stinkenden Penner mit Sternburgreserve im Stoffbeutel, keine Tags an Häuserwänden und auch nur wenig guten Geschmack. Die Familienwagen vor den Garagen sind geputzt, die Hauser mitunter ‚neu römisch’ gestaltet, mit türkisen Sockeln und rosa getünchter Fassade.

Der Besichtigungstermin für die ‚kleine Residenz am Wasser’ naht und seit fünfzehn Minuten sind uns die Witze ausgegangen, wohl aus Angst am Ende hier zu landen, weil wir plötzlich und unerwartet erwachsen wurden und die mittelfristige Lebensplanung inzwischen nicht mehr allein ein Begriff des aaligen Finanzberaters ist. Wir werden älter und dabei unseren Eltern und Großeltern ähnlicher als wir es je wollten. – So ist er eben, der Lauf der Dinge, versuche ich mir die Sache schön zu reden. Gegen Fünfzehn Uhr kommt es dann Höhe Rialtoring zum Aufbegehren.

„Auf gar keine Fall!“ poltert es aus dem Partner heraus. „Muss ja nicht-“ sag ich und weiter, nach einer Pause : „Kommt darauf an, was wir uns trauen.“ Ich erzähle von dem Projekt in Spanien, ein Freund hat zum Informationsgespräch nach Kreuzberg eingeladen. Zweihundert Leute, darunter zwei Bekannte von mir, haben sich zusammengetan um eine leerstehende Siedlung in Spanien zu kaufen. Gemeinsam will man hier mit überschaubarem Eigenkapital – fünftausend Euro pro Person – ein „Öko-Dorf“ errichten. Auf Vereinsbasis soll kollektive Unabhängigkeit erprobt werden, man will von selbst angebautem Obst und Gemüse leben und den Strom mit Solarenergie erzeugen – auch ein jährliches Musikfestival ist denkbar. Die beiden Bekannten, von denen hier die Rede ist, mögen Idealisten sein, jedoch keine weltfremden Spinner. Einer ist Mitte Dreißig, hat Frau und Kind und betreibt eines gut gehendes Label in der Stadt. Natürlich gibt es Bedenken. Ich erinnere mich an stundenlange Diskussionen in meiner ehemaligen WG, es ging meist um den Abwasch oder unbezahlte Stromrechnungen, wir wohnten damals zu dritt. – Wie würde das erst mit zweihundert Leuten laufen? Wie fühlte sich wohl so ein Alltag an, zwischen Musikfestival und Kartoffelernte auf staubtrockenen Feldern in Spanien?
Der Partner sagt nichts, guckt aber grad so, als wüsste er die Antwort: sehr durstig und genervt.

www.spanischesdorf.org

Foto: Jürgen Oberguggenberger / pixelio.de

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