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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 108: Fahrraddisko

Anruf vom Chef, Rechercheauftrag: Fahrraddisko. Rumgedruckse meinerseits, Fahrrad kaputt und überhaupt… Chef meint, ich soll mir eins leihen, da weis ich nicht weiter.
„Ja, ja, klar kenne ich genügend Leute mit Rad. Ne, kein Problem, ich borg mir eins, ne, is super! Tschüß.“
Katastrophe! – bin ein ganz schlimmer Radfahrer. Ständig dreh ich mich beim Fahren nach hinten in der Gewissheit, dass mich – just in dieser Sekunde- ein Autofahrer über den Haufen fahren würde. Ich schwitze stark und weil ich so angespannt auf den Verkehr hinter mir achte, sehe ich nicht gut, was vorne passiert. Eine Frau hat mich mal todeswütend mit Spuckebläschen auf den Lippen beschimpft- sie erschrak wohl sehr, als mein Vorderreifen quietschend an ihrer Wade landete.
Ich vergesse auch immer beim Abbiegen den Arm zur Seite zu strecken. Den Fehler probiere ich dann mit Geschwindigkeit wieder wett zu machen, und so dermaßen schnell um die Ecke zu radeln, dass mein Rad im Verkehrsbild nicht mehr wahrnehmbar ist und nur noch ein blasser Kondensstreifen bleibt, was natürlich quatsch ist. – Ich wünsche es mir trotzdem!

Seit zwei Jahren hab ich das Radfahren nun ganz eingestellt, zum eigenen Schutz und dem der Umwelt. Aus beruflichen Gründen kann ich ab sofort keine Rücksicht mehr nehmen, und die Teilnahme an der „Green Music 25 Fahrraddisko“ steht leider unmittelbar bevor.
Als Treffpunkt wird die Bar 25 angegeben, gemeinsam will man zu einer „Secret Location“ radeln und weil die Veranstaltung ein Experiment ist, bei der es vor allem um Umweltbewusstsein geht, sollen die Gäste den benötigten Strom selbst produzieren. Das heißt, damit das Soundsystem läuft, muss man selbst in die Pedale treten. Ich gebe zu, für die Umwelt mag das eine schöne Sache sein, für mich klingt das eher nach Zumutung.

Um die Sache zu vereinfachen, lasse ich mir vom Veranstalter die Adresse geben- eine vage Wegbeschreibung zu einer Wiese im Treptower Park. Die Anreise erfolgt sicher per S-Bahn. Als ich dann auf den Stufen des Bahnhof Plänterwald unter der ungewohnten Last meines „Colorado- Jugendrades“ zusammensacke, greift ein freundlicher Vollpfosten im „Thor-Steinar“- Shirt helfend ein. Nein, so schlecht ist diese Welt nicht, und wie sich herausstellt, die Party noch viel weniger. Junge Leute tanzen mit Hüten und Stoffbeuteln zu irgendwie lustiger Technomusik von DJ Dirty Doering. Die Energieerzeuger, vier Partygirls, rödeln daneben auf verkabelten Rädern- es hat was von einem Liveact, das Publikum jubelt ihnen zu. Dann ist Schichtwechsel, ein paar Jungs übernehmen, wieder setzt Jubel ein. Die Presse ist da, Kamerateams dokumentieren das geschehen. Ein Hund bellt aufsteigenden Seifenblasen hinterher, zwei Frauen schwingen Hula-Hoop- Reifen um die Taille. Als ein Radfahrer schlapp macht und die Musik ausfällt, überbrücken die Leute mit A Cappellagesang. Mitgerissen von der Stimmung,setze ich mich auf das freigewordene Rad und zum ersten mal seit sehr langer Zeit, möchte ich fahren- für die Musik, die tanzenden Leute, für die Umwelt und überhaupt. Der Einsatz dauert zirka 2 Sekunden. Mitarbeiter des Ordnungsamtes unterbrechen Party sowie persönliche Traumabewältigung gegen zwanzig Uhr. Mein Fahrrad hab ich dann nach Hause geschoben.

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