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Zwischen Disko und Dispo, Folge 110: Tschüssikowski, Bar 25

Ein Nachtlebenreporter bricht nicht in Tränen aus, nur weil ein Club schließen muss. Er verfasst auch keine gefühlsduseligen Gedichte oder hinterlässt zig pathetische Statusmeldungen zum Thema bei Facebook, und niemals würde er sich eine „25“ auf den Innenarm tätowieren lassen, wie ein berühmter DJ das mal tat. Er ist ein Mensch der Fakten und lässt diese für sich sprechen.

Bar 25

Ich werde Ihnen nun meinen ersten Besuch schildern in der Bar 25. Es war vor Jahren, als ich mich mit einer Kollegin zur Inspektion des schon damals berüchtigten Ortes verabredete. Wir waren beeindruckt von den Gerüchten rund um Personen, die hier mit Telefonen auf der Tanzfläche masturbieren würden, hyperaktiven Hippies mit Unterhosen voller Konfetti und von GHB- Drogenopfern, die im Minutentakt auf Krankentragen abtransportiert würden – beim Eintreten waren wir ziemlich nervös. Das Erste, was mir dann auffiel, war die Herzlichkeit der Anwesenden. Die Bar war, wie sich herausstellte, eine in sich geschlossene Welt, ein Ferienlager mit Wasserblick, mit Schaukeln an Bäumen und buntem Publikum, kos­tümierte Realitätsflüchtlinge, energiegeladene, abgewrackte, alte und jüngere Suchende, die im „Wurmloch 25“ auf jede erdenkliche Art Zeit und Raum verplemperten – nur masturbiert hatte niemand.

Eine Frau in Samtmäntelchen und mit Königinnenkrone versah unseren Weg mit rot gestreiften Verkehrshüten, daneben stolperte eine Gruppe Matrosen aus einem Fotoautomaten – etwas mit Elfenflügeln hing matt, aber glücklich in einer Schaukel unter einem Baum. Der Club war von beinahe allen Seiten offen, Sonnenstrahlen glitzerten auf der Spree, die Tanzfläche war berstend voll. Beim Durchdrängeln kam ich mit diversen Leuten ins Gespräch, Getränke und ein Strohhut  wurden angeboten, nach Zigaretten wurde gefragt, jemand verdrehte auf lustige Art die Augen – ich machte ein komisches Gesicht zurück. Stunden süßen Nichtstuns vergingen, und die Kollegin war lange schon verschwunden. Ich fand sie später im benachbarten Areal des  „Circus“ im Sand unter einem Raver vergraben, es ging wohl um Erotik, und weil die Kollegin sonst eher sachlich unterwegs war, habe ich mich natürlich für sie gefreut. In Feierlaune bestellte ich Sekt an der Bar, die Tresenkraft gab noch Schnäpse aus. Gegenüber tanzte extrovertiert ein Tourist aus L.A., der nach weiteren Getränken für mich wie Jesus Luz aussah – dieser Typ von Madonna – nur in inte­ressant. Tatsächlich tanzten wir bald zusammen sehr engagiert und unterhielten uns auch stundenlang, es hagelte Konfetti, wir knutschten wie verrückt und verabredeten uns bei ihm in L.A. – dass ich in einer Beziehung steckte, hatte ich in diesem Moment total vergessen. Tags darauf berichtete ich meinem Partner die Geschichte, meine Beziehung war nach kurzer Schreierei beendet, und ein Flug nach L.A. wurde gebucht. Es sollte der schlechteste Urlaub meines Lebens werden, die Party in der Bar war allerdings, mal rein faktenmäßig betrachtet, ganz gut.

Foto: Andrй C. Hercher

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