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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 112: In der Gebärmutter

Leseabend vor Velourstapete  – sitze stark geschminkt auf der Bühne im Salon zur Wilden Renate und warte. Neben mir verhaspelt sich der Conferencier am Mikrofon,  lacht laut und wahnsinnig. Jemand mit Seitenscheitel und einem ‚von’ im Zunamen trägt beklemmende Witze vor. Die Regeln des Abends sind eigentlich streng. Jeder Gast hat eine brennende Kerze vor sich und langweilt der Vortrag, wird die Kerze gelöscht, der Redner muss abbrechen. Bemerkenswerterweise sitzen wir noch immer nicht im Dunkeln und die Geschichte einer depressiven Wurstverkäuferin paralysiert das Publikum. Zwei Stunden wird gelesen und an improvisierten Gerätschaften Musik erzeugt,  bevor es zur berlintypischen Auszahlung des Honorars kommt: ein dutzend Freigetränkebons. Mehrere Biere habe ich intus, als ein merkwürdiger Typ mit Glatze auftaucht. Er drückt mir eine Plastikmünze in die Hand und fragt: „Bist du bereit?“
„Türlich.“ – geb’ ich zurück, ohne zu wissen, worum es überhaupt geht. Die Münze ist, wie sich herausstellt, der Eintritt zu einem Labyrinth. Schon häufiger hörte ich vom Diskoeigenen Irrgarten, der im hinteren Teil des Hauses über mehrere Etagen eingerichtet wurde. Im Nachhinein muss ich sagen, sich dort besoffen mit Stöckelschuhen hineinzubegeben war vielleicht nicht die schlaueste Idee zum Feierabend. Immerhin schaffe ich es dem Münzspender ein paar investigative Fragen zu stellen, die Antworten fallen kryptisch aus. Es wird über spirituelle Selbsterfahrung im Schoß der Liebe berichtet und der Eindruck entsteht, dass sich mein Gesprächspartner lange Jahre mit Tantra oder bewusstseinserweiternden Drogen beschäftigt haben muss. Zur objektiven Urteilsfindung längst nicht mehr im Stande, mache ich mich schnapsselig auf meinen Weg in die Ungewissheit.
Eine Tür kracht ins Schloss, es ist dunkel und ich hangele mich an einem Gummiband entlang. Es braucht Kraft sich durch mehrere Höhlenschlunde zu quetschen, dann geht es rücklings rutschend in einer Röhre steil abwärts. Mit einer ‚Arschbombe‘ lande ich in der überdimensionierten Nachbildung einer weiblichen Gebärmutter, umgeben von Kabeln, pulsierenden, roten Beulen und  Kunststoffkreaturen, die wenig glücklich aus den Wänden lugen. Ich muss an Sigourney Weaver in Alien“ denken und gefühlte Stunden vergehen, während ich auf allen Vieren durch plastische Merkwürdigkeiten krieche. Entnervt versuche ich die Röhre wieder nach oben zu klettern, rutsche aber, nur wenige Zentimeter vorm Ziel und begleitet vom kratzenden Geräusch meiner Fingernägel, wieder nach unten. Resigniert, mit zerrissener Strumpfhose, sitze ich am Boden der Gebärmutter und nicke ein. Mit einem Riesenschreck werde ich wach, um kurz darauf, im Zustand größter Verzweifelung, eine Tür aufzubrechen, die eigentlich verschlossen war. Dahinter sitzt der Glatzenmann an einem Schreibtisch und schaut verdutzt. Ich schilderte ihm die Lage und er mir den Ausweg. – Der war seltsamer Weise ganz nah. Vielleicht halten sie mich für bescheuert, aber ich plane dieses Labyrinth noch einmal zu besuchen, nüchtern versteht sich. Vorher findet eine Lesung statt und sie sind herzlich eingeladen.

Leseshow am 15. November ab 20.30 Uhr,  Salon zur Wilden Renate

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