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Zwischen Disko und Dispo, Folge 113: In der West-Disko – Mein erstes Mal

 

Max Headroom

Schneeregen am Bahnhof Zoo, laufe die Budapester runter, betrete mit nasser Kylie- Minogue-Frisur (Locomotion) und verschmiertem Kajal das Linientreu. Es ist eine dieser stinknormalen Achtziger-Jahre-Wessi-Discotheken mit einem fest angestellten DJ im Glashäuschen, großer, runder Tanzfläche, und Sitzgelegenheiten aus billigem Kunstleder, wie in einer Arena ringsum positioniert. Blaue und grüne Laserstrahlen kreisen über meinen Kopf und die Bässe sind so, dass ich sie durch meine Schuhsolen spüre.
Es ist 1989 und ich befinde mich zum ersten mal in einer Westberliner Disko. Der Abend ist eine Offenbarung, auch wegen der Musik- nie zuvor habe ich so was gehört. Vierviertel Takt, metallischer Sound, übellauniger Sprechgesang: EBM– spannend! Die Leute auf der Tanzfläche tragen Max-Headroom-artige Brotkastenfrisuren und bewegen sich wie kaputte Roboter, stampfend jeweils vier Schritte vor und wieder zurück. Die Sache beeindruckt mich nachhaltig und ich denke noch, Electronic Body Music und Brotkastenfrisuren, das ist also der Westen!
Bis zu diesem Zeitpunkt war ich vor allem in Jugendclubs und Mehrzweckgaststätten der DDR unterwegs, hing regelmäßig mit einer Gruppe Gothic’s Futschi* – saufend im „Otto Nagel“ in Potsdam ab. Hier lief stets das selbe Funk- und Black-Musik-Programm, deren Highlights „Joanna“ oder „Get Down“ bildeten – wir hassten den DJ. Die Lichtanlage bestand aus einem Schalter für die Deckenbeleuchtung und der Sound war so leise, dass man beim Tanzen seine Schritte hören konnte – ich möchte mich auch gar nicht weiter beschweren, aber so konnte dieser, nach rein kommerziellen Kriterien des Kapitalismus ausgerichtete Westberliner Tanztempel, natürlich nur gewinnen. Wie üblich in Großraumdiskotheken wechselt der Musikstil stündlich und gerade hat die Housemusic-Runde begonnen. Bei den ersten Takten von „KLF“ weichen die Brotkastenköpfe Menschen mit knallbunten T-Shirts, häufig mit „Raumschiff Enterprise“- Symbol auf der Brust. Sie reißen ihre Arme in die Höhe um winkend gute Laune zu verbreiten – auf mich wirkt das ziemlich unsouverän und ich freunde mich lieber mit einer Gruppe Schwarzkittel an, die auf den hinteren Plätzen abhängen. Sie tragen Irokesen- oder Turmfrisuren und trinken Pfefferminzlikör, den jemand unter seinem Dracula-Umhang einschmuggelte, dazu werden Koffeintabletten geschmissen. Zufällig verknalle ich mich in einen Robert-Smith-Fan mit puterrot gefärbtem Haar, den sie wegen seines merkwürdigen Tanzstils nur „den Dirigenten“ nennen. Insgesamt fand ich meine ersten Abend in der West-Diskothek dermaßen genial, dass ich am liebsten gleich eingezogen wäre – ich habe dann aber erstmal einen Aushilfsjob am Tresen angenommen…

 

*Weinbrand-Cola Mixgetränk

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