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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 114: Marianne

Tanzende Leute

Letztens habe ich in der Straßenbahn M1 ein paar minderjährige Kaputzenpullis zusammengestaucht, die mit einem Centstück Quatsch in die Scheiben ritzten.
Natürlich habe ich nicht erwähnt, das ich selbst einst, mit einem Nothammer der Deutschen Bahn und unter den anerkennenden Blicken meiner besoffenen Mitschüler, groben Unfug in einem Regionalzug trieb. – Das gehörte schließlich nicht hier her. Doch mit Sicherheit war ich genauso ein hormonelles Pulverfass, wie 99, 9 Prozent aller pubertierenden Teenager.
Zum Erwachsenwerden gehört es eben dazu, sich und seine Umwelt unfassbar zu nerven und immer geht dabei irgend etwas kaputt.

Ist dann erst mal alles überstanden, so mit Mitte, Ende Dreißig, legt man sich Fußmatten vor die Haustür, auf denen „Herzlich Willkommen“ steht. In Wahrheit ist natürlich niemand unangemeldet Willkommen und schon gar nicht herzlich. – Ich weiss, wovon ich spreche, denn auch ich bin Besitzer so einer Matte und nun warte ich auf das Alter, den Rentenbezug und einen erholsamen Lebensabend, insbesondere, seit mir ein Bekannter die Geschichte seiner einundsechzigjährigen Mutter anvertraute, ihr Name ist Marianne.
Der Partyveranstalter wirkte bei unsere Begegnung zerknirscht. Als ich fragte was los sei, berichtete er von einem Anruf um drei Uhr morgens. Marianne, also seine Mutter, war am Telefon. Sie stand gerade vorm Club „Ultraschall“ in Memmingen und wurde vom Türsteher wegen ihres Alters abgewiesen. Der Sohn sollte es richten. Er rief also mitten in der Nacht den Clubbesitzer an, der Marianne und ihre Freundinnen kurz darauf durchwinkte und ihr – mit einem verkniffenen Lachen – einen Stapel Getränkebons überreichte. Ein halbes Jahr ist seither vergangen und die zuvorkommende Behandlung hat Eindruck hinterlassen. Anrufe dieser Art ereilen den Sohn nun häufiger und Marianne ist regelmäßig auf Technopartys zu Gast. Beobachter sagen, sie tanze ununterbrochen und habe sich mit den Annehmlichkeiten des internen VIP-Status gut arrangiert. Die sonst eher zurückhaltende Graumelierte aus einem Westdeutschen Dorf begrüße inzwischen die DJ’s per Handschlag, und weil sie mit dem Auto bis zu 160 km reist um Veranstaltungen, die ihr Sohn ausrichtete, zu besuchen, hätte sie überregional einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt .
Nicht mehr wieder zu erkennen sei sie, klagt der Sohn, ihr Haar ist gefärbt und sie hat einen neuen Freund, sechsundzwanzig Jahre alt. Das Verständnis in der Familie ist begrenzt – Generationenkonflikt, mal anders. Die Geschichte hat mich neugierig gemacht und ich hab Marianne nach Berlin eingeladen. Am 4. Dezember treffen wir uns in einem Club im Wedding. Erst gibt es Lesungen und Performances, später legen Techno-DJ’s auf, Bekannte von Marianne. Vermutlich wird sie bis sechs Uhr morgens tanzen oder länger. Genau werde ich’s nicht herausfinden. Ich bin dann nämlich längst zu Hause und schlafe. Sorry Marianne, aber für so was bin ich noch zu jung!

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