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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 115: Rückblick mit Ausblick, Prost!

Letztens fragte mich ein berufsjugendlicher Radiomoderator eine typisch berufsjugendliche Radiomoderatorenfrage zum Jahreswechsel, was man denn in der Partyszene der Hauptstadt im neuen Jahr erwarten könne und hielt mir sein Mikro vor die Nase. Ich hab dann ziemlich rumgeeiert, „Kommt drauf an“ und „Irgendwas ist immer“ genuschelt, und das Interview lief nicht so toll. Als ich anschließend über eine Antwort nachdachte, musste ich mich natürlich erst einmal mit 2010 auseinandersetzen und war überfordert. Ich wusste nur eins: Wenn ich für 2010 ein Bild finden müsste, es wäre ein Sack Konfetti.

Konfetti

Konfetti auf der Tanzfläche, Konfetti im Getränk, Konfetti beim Sprechen im Mund, Konfetti in der Unterhose, Konfetti, tonnenweise angekarrt als Club-übergreifender Wettbewerbsschwerpunkt, Konfetti bei der Abschiedsparty der Bar 25. Ich habe auch gar nichts gegen Papierschnipsel, aber für 2011 könnte man vielleicht mal was Neues wagen, ich wäre für Luftballons, die verstopfen nicht den Strohhalm im Drink. Und falls im nächsten Jahr tatsächlich, wie spekuliert wird, eine Neueröffnung der Bar 25 im Spreepark anstehen sollte, dann wäre dies die Antwort für den Moderator gewesen, die mir nicht einfiel. Na toll. Warum hat er mich eigentlich nicht nach meinem Wort des Jahres gefragt? Wie aus der Kanone geschossen wäre gekommen: Prokrastination*!

Ehrlich, arbeitet eigentlich noch irgendjemand und wenn ja, wann? Log ich mich bei Facebook ein, was circa alle drei Minuten passiert, sind alle anderen längst da und kommentieren in der Gegend rum, lästern über Partys, den letzten Tatort, das Porsche-Wrack auf der Torstraße oder flirten. „Kommentarfunktion ist the new Singlebörse“ – hat Louis W. letztens gepostet, recht hat er. – Gästeliste, Verabreden, Partnerakquise, Informations- und Befindlichkeitsaustausch läuft alles über Facebook, das wird sich 2011 auch nicht ändern. – Oder vielleicht doch. Meine Mutter hat sich gerade angemeldet.

Meine beste Party 2010 hieß übrigens Champagnerama, obwohl ich nur Clubmate trank. Mehrere Tage ging’s da auf dem Gelände der Malzfabrik zu, natürlich mit Lkw-Ladungen voll Konfetti und aufwendiger Dekoration, Theaterperformances, einer Million DJs und fantastischer Stimmung. Die Bachstelzen haben die Party veranstaltet, daher würde ich für 2011 so eine Bachstelzensache wieder empfehlen – allerdings nicht berufs­jugendlichen Radiomoderatoren, die würde ich ganz allgemein auf den Szene-Event „Demonstration“ verweisen. Das tut man nämlich so in 2011, Engagement zeigen wie schon 2010, symbolisch wenigstens, durch die Teilnahme an mobilen Technopartys mit politischem Hintergrund: Megaspreeparade oder Anti-Atomstrom-Demo, saufen gegen Gentrifizierung oder fürs Volksbegehren „Unser Wasser“ oder gleich zum Nackt-Rave bei der Wohnungsbesichtigung in Friedrichshain als Protestaktion gegen überteuerte Mieten. Da soll der Radiotyp sich doch bitte mal nützlich machen und mich nicht unvorbereitet mit Fragen aufhalten! Für alle andern gilt: Prost Neujahr!

*Das Aufschieben der Erledigung wichtiger Aufgaben

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