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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 116: Heiliger, nackter Abend

An mein schönstes Weihnachtsfest erinnere ich mich nicht mehr, an mein schlechtestes allerdings schon. Ich lebte mit Pfütze und ein paar Flöhen in einer Art Punk-WG ohne Bad in Kreuzberg. Wir schauten die meiste Zeit Musikvideos auf einem alten schwarz-weiss TV und probierten Tanzstile und Styling der abgewrackten Hauptdarsteller zu imitieren. Es gelang uns aber immer nur mäßig, und wir waren sehr unglücklich, wegen unseres unverbrauchten und gesunden Erscheinungsbildes. Seit drei Wochen waren wir nun schon ein Paar, und obwohl inzwischen so ein Insektenschutz-Typ die Dinge Zuhause richtete, schienen mir die Lebensumstände unserer Beziehung nicht optimal. Am 23. Dezember verabschiedete sich Pfütze, um mit dem Zug ins heimatliche Westdeutschland zu reisen und ich ergriff die Gelegenheit sämtliche Freunde und deren Bekannte zu einem massiven Vorweihnachts-Rave nach Hause einzuladen, wobei das Wort ‚Rave‘ erst Jahre später aufkam, es fand also ein Fest statt mit viel Alkohol, lauter Musik und rumkrakehlenden, sich unkontrolliert und knutschend auf Matratzen rum wälzenden Teenagern. Ich hatte die meiste Zeit getanzt und mich mit Ulf unterhalten, der mich schwer faszinierte,  weil er einen Irokesenschnitt  trug und mich, mit harmlos wirkenden Knopfaugen, an ein Eichhörnchen erinnerte – soviel zum Thema erotische Phantasien Anfang Zwanzigjähriger.
Die Party war ein voller Erfolg und erst am Abend des 24. zu Ende. Inzwischen waren das Eichhörnchen und ich ein Paar und weil wir Hunger hatten und auch mal duschen wollten, ging ich mit zu ihm. Unterwegs berichtete er von seinen Job in einer EBM-Band, als Jemand, der am Synthesizer steht und so tut, als ob er spielt, dabei gar nicht spielen kann, und dafür Freigetränke sowie 35 DM pro Auftritt erhält. Ulf war also reich. Dann ging es noch um seine Mutter, eine komplizierte wie diktatorische Inhaberin einer Gynäkologie-Praxis in Charlottenburg, bei der er sich  wohl ein bequemes Leben einrichtete, und hätte ich gewusst, dass ich sie nur wenig später persönlich kennenlernen sollte, hätte ich Weihnachten lieber zwischen fünfhundert leeren Bierdosen in Kreuzberg verbracht. Angekommen in einer überdimensionalen Altbau-Wohnung mit Stuck und Marmorbad war ich jedoch erstmal begeistert. Das Eichhörnchenzimmer war riesig und in einer Ecke wurden Lebensmittelvorräte gelagert: Palettenweise Joghurt, H-Milch und Chips. Ich schaute einem romantischem Abend entgegen. Zum ersten Mal waren wir ungestört und bald auch nackt. Im Bett war das Eichhörnchen eher passiv und ich nicht übermäßig anspruchsvoll – so erlebten wir ein paar glückliche Pettingmomente. Dann klopfte es. Wir stellten uns eine Weile tot, doch das Klopfen wurde bestimmter. Ulf schlappte mit gesenktem Haupt vor die Tür, eine Diskussion mit einer weiblichen Stimme folgte. Überraschenderweise war es nicht Ulf der ins Zimmer zurück kehrte, sondern seine Mutter – mit vor Zorn bleichen Lippen. Sie sagte nicht viel, aber dies in einem Ton, dass ich, ohne meine Klamotten zusammenzusammeln, aus der Wohnung eilte. Lediglich mit einem Slip bekleidet, stand ich auf der Uhlandstraße, wartend, dass Ulf mir meine Sachen runter bringen würde. Aus bis heute ungeklärten Gründen tauchte Ulf aber nie auf. Dafür ein Taxi mit einem väterlich-verständnisvollem Fahrer. Er spendierte mir eine Decke und die Tour zurück nach Kreuzberg – das beste Weihnachtsgeschenk bis heute.

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