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Zwischen Disko und Dispo, Folge 117: Wrestling

WrestlingVerstecken hinterm Tresen. Kniend, in einer Weizenbierlache, beobachte ich durch halbleere Schnapsflaschen den Veranstalter, der durch die Großraumdiskothek läuft und meinen Namen brüllt. Als er rüber schaut, ducke ich mich, mein glänzender Anzug kneift und spannt in den Kniekehlen, auf meiner Brust prangt ein „D“ für Disko. Es ist Neun Uhr und in wenigen Minuten soll die Show im Pinky‘s in Hohenschönhausen beginnen. Ehrlich, ich habe keine Ahnung wie ich in diese Situation geriet, auf jeden Fall werde ich meinen Booker feuern. Ich meine, Wrestling – geht‘s noch? Der Barmann will mir Mut machen, bietet ein Glas Prosecco an sowie eine Pille, „Wat Jutet.“ -raunt er. Ich schüttle den Kopf. Ich könne das hier nicht machen, erkläre ich, immer noch unterm Tresen kniend, er und sein Chef müssten das verstehen, ich fühle mich nicht genügend vorbereitet…

Als der Wecker klingelt und ich in meinem Bett aufwache, bin ich ziemlich durcheinander.
Benommen schlüpfe ich in den Bademantel, starte den Computer und setzte einen Espresso auf, dann mache ich den entscheidenden Fehler. Ich veröffentlichte eine kurze Schilderung meines Nachtlebenreporter-Alptraumes bei Facebook – mit selbstkritischer Anmerkung, wegen mangender Courage. Am Ende ginge es nur um einen Showkampf und keinen Einsatz im Hindukusch – ich hätte mich gar nicht so anstellen brauchen.
499 Facebook-Freunde hatten nicht viel zum Thema zu sagen mit einer Ausnahme. Der Theaterschauspieler, Entertainer und Flaneur L. war ganz meiner Meinung – leider! Unglücklicherweise wurden wir schon vor Wochen zusammen für die Veranstaltung „Designweihnachtsmarkt“ im HBC Club gebucht, und L. fand die Vorstellung inspirierend, statt der angekündigten Lesung nun ein  Weihnachts-Wrestling zu veranstalten, live Ringen auf der Bühne in sportlichen Outfits, um den Mittesäcken mal einzuheizen, wie er sinngemäß sagte.  Später, bei der Vorbesprechung in einem Cafe, versuchte ich abzuwiegeln, es wäre ja nur ein Traum gewesen und die Aktion wäre doch ein bisschen Dicke für einen Weihnachtsmarkt. Im Laufe des Abends allerdings änderte sich meine Meinung auf wundersame Weise und die Idee begeisterte mit jedem halben Liter Bier mehr. In den Kampfpausen planten wir noch Erbsensuppe auf der Bühne zu kochen, die könnte man verkaufen und einen Nebenverdienst einstreichen. – Genial!  
An den folgenden Tagen wartete ich vergeblich darauf, dass irgendwo ein Wecker klingelt und ich in meinem Bett ohne nahenden Wrestling-Termin erwachen würde. Auf eine sorgenvolle Zeit voller Selbstvorwürfe und Hassschwüre auf die Kommunikationsplattform Facebook, folgte am Tag vor dem Auftritt die Erlösung per Email. Der Veranstalter teilte mit, dass keine Kochplatte für die Suppe vorhanden wäre, der Entertainer fügte in der Antwort an, noch besser als Wrestling wäre das Konzept einer „Kirche der Liebe“, frei improvisiert nach einem Dänischen Spielfilm.  Auch ohne Erbsensuppe wurde die Veranstaltung ein Erfolg. Meine Alpträume bespreche ich trotzdem nicht mehr im Internet.

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