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Zwischen Disko und Dispo, Folge 119: Fashionbloggercafe

ModebloggerFacebook sagt Jogginghosentag und ich mach mit – erster Fehler an diesem Tag.
Mit Laptop in ein Cafe am Rosenthaler Platz setzen- zweiter Fehler. Es kündigt sich schon an der Ampel Ecke Torstraße an. Ein Windhund in „Burberry“-Jäckchen schnüffelt an meiner Sporthose, kraftlos schaut er auf, dünne, frierende Kreatur in überteuerter Jacke, ein Modeopfer mit trockener Nase – es ist Fashion Week in Berlin.
In düsterer Stimmung betrete ich das „Haus am See“, bestelle keinen Latte Machiato – stattdessen: stiller Protest inmitten von It-Accessoires-Bestückten.

Der sonst so gemütliche Platz ist jetzt Ort hektischer Betriebsamkeit, ein Bienenstock für jugendliche Informationsträgerinnen aus der Modewelt. Die heutige Veranstaltung nennt sich „Fashionbloggercafe“ und eigentlich könnte ich dankbar sein, dass mein ausgebeulter Jogginghosen-Arsch zufällig in dieser Zeitgeistphänomen-verdächtigen und über Facebook promoteten Angelegenheit landete. Angeregte Gespräche entspinnen sich zwischen Mädchen aus München, Essen und Hamburg. Es sind Kinder aus gutem Haus, mit gesunden langen Haaren und hochwertigen Lederhandtaschen. In Grüppchen stehen sie an der Bar und fotografieren sich gegenseitig in aktueller Markenmode: dunkle Leggins und Westen mit Pelzbesatz – Housemusik mit Saxophonbegleitung läuft im Hintergrund.

„Boah, In einer Stunde muss ich bei der Bread and Butter sein, vorher noch umziehen – dass schaff ich nie!“ – Sorgenfalten auf der Stirn einer Neunzehnjährigen. Dahinter wird eine Bloggerin beim Interview gefilmt. Ein untersetzter Mittzwanziger, einer der wenigen Männer vor Ort, beobachtet das Geschehen mit einer „Gala“ unterm Arm, die Spitzen seiner Entenschnabelschuhe sind leicht nach oben gerichtet, womöglich ein Mitarbeiter von TV München oder Arte.
Wo man hinschaut, gut situierte Mädchen, die davon träumen mit dem eigenen Modeblog groß rauszukommen und irgendwann wie die berühmten Vorbilder bei den Schauen in Paris und Mailand in der ersten Reihe zu sitzen. Und man braucht kein Experte zu sein, um verstehen, dass es einen adäquaten finanziellen Rahmen braucht, für’s Hobby rund um Louis-Vuitton-Bags, It- Peaces, Digitalkamera und Laptop – ein Elternhaus, dass es sich leisten kann, den Nachwuchs zu unterstützen.

Fashionblogging ist ein Oberschichtenphänomen. Das sieht man schon am vorgeführten Kleidungsstil: schick, angepasst, krawallfrei und bieder, stellvertretend für einen Teil der Gesellschaft, der am ehesten in sauberen Jugendzimmern westdeutscher Reihenendhäuser zu finden ist – aber vielleicht befinde ich mich auch nur auf der falschen Veranstaltung und meine Urteilsvermögen wird vom Stimmungstief „Erna“ überschattet. Es gibt ja die Ausnahmen, die kreativen und mutigen, wahrscheinlich nicht mal wenige – aber brauchen nicht alle die finanziellen Voraussetzungen? Zeigt mir doch mal Blogs von Fashionistas aus Berlin-Hohenschönhausen oder Duisburg- Marxloh, deren Eltern pleite, ungebildet und meinetwegen Säufer sind. Nicht das mich Modeblogs interessieren würden, aber ähnliche Chancen für ähnliche Träume Heranwachsender in Deutschland, das könnte meine Stimmung doch ganz erheblich nach vorne bringen – selbst in einer Jogginghose am Jogginghosentag.

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