• Stadtleben
  • Zwischen Disko und Dispo, Folge 120: In der In-Bar

Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 120: In der In-Bar

barDie Lust, in unbeheizten Industriehallen mit  fünftausend Studenten und einem Plastikbecher Leitungswasser stundenlang  auf Two Step zu tanzen, hat gerade etwas nachgelassen. Neuerdings lege ich mehr Wert auf Komfort – keine bewusste Entscheidung, der Körper weisst mich nur dauernd darauf hin. Es läuft dann so ähnlich, wie in dem alten Otto-Waalkes-Sketch:  „Knie an Hirn: bitte Couch suchen“. Deshalb habe ich meinen Rechercheschwerpunkt vom Club in die Bar verlegt. Ich hoffe, das ist in ihrem Sinne, sie werden ja auch alt.
Und hier gleich ein Tip vorab: werden sie alt und reich, oder behaupten sie bei Victoria
„ I Am on The List! “ -falls sie demnächst an der Tür stehen der Bar Tausend.
Da war ich nämlich letztens, und ich kenne nur sehr wenige Bars in Berlin, die sich trauen  10 Euro Eintritt zu verlangen, für einen Haufen Anzugtypen und  Agenturmitarbeiterinnen mit offenem Haar in Betriebsfeierlaune.  Im vom Architekturbüro Robert Neun durchdesignten Umfeld legte der DJ  funky Yachtrock auf, und die Musik war das beste an jenem Abend. Mein vorletzter Besuch hier liegt knapp ein Jahr zurück, damals saß Pierce Brosnan an der Bar. Eine halbe Stunde hatte ich mir überlegt, wie ich ihn ansprechen könnte. Mir fiel nichts Originelles ein und als ich mit aufgefrischtem Make-Up vom WC zurückkehrte,  war Brosnan verschwunden – ärgerlich! Natürlich kann einem ähnliches auch auf einer Two-Step-Party im RAW-Tempel passieren – statt Pierce Brosnan dann mit Christian Ströbele an der Bar, naja.
Ich bin dann jedenfalls weiter ins  Catwalk, vielleicht hörten sie schon von der Neueröffnung. Es geht um Berlins erste und vermutlich auch letzte Bar, die sich ausschließlich mit dem Thema Laufsteg, Models und Designer beschäftigt- das Design hat Michael Michalsky entworfen. Die meisten meiner Bekannten finden den Modedesigner fragwürdig, weil er mit seiner Halskette und der Klamottenauswahl  stark an Türsteher in rustikalen Techno-Discotheken erinnert. Ich sympathisiere aber heimlich mit M., seit ich las, das er früher mal Grufti war – davon konnte man im Catwalk natürlich nichts mehr bemerken. Verspiegelte Säulen, Zebra-Teppiche, Fotos von Pudeln und Heidi Klum an der Wand, Red-Bull-Dosen neben geschliffenem Kristallgläsern auf dem Tisch. Eine Mitarbeiterin eilte zu Hilfe, während ich mich bemühte, einen zirka 600 Kilo schweren Barhocker zu bewegen.  Auf der Rückenlehne stand  CLAUDIA  -TATJANA war schon besetzt von Dennis aus Karlsruhe.  „Das ist mein Geschäftspartner- Hahaha!“- stellte er seine Begleitung vor.  Zwei Tchibo-Pärchen um die sechzig Jahre vervollständigten den Publikumsmix, bestehend aus Auszubildenden in farbigen Pumps und Männern mit Stirnglatze im ,heut‘-mach-ich-einen-drauf‘-Modus.  Sie merken schon, so richtig scharf ging‘s nicht zu in der Modebar, dafür war der Service bemerkenswert. Vier mal hat die Barfrau das Schälchen mit Chips aufgefüllt, einen „Fashion-Victim“ ausgegeben und am Ende das Taxi gerufen – zu diesem Zeitpunkt muss ich schon sehr betrunken gewesen sein, es ging nach Friedrichshain, Rave-Versuch in unbeheizter Industriehalle.

Mehr über Cookies erfahren