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Zwischen Disko und Dispo, Folge 121: Mein Kumpel, die Transe

jackie_3Soviel ist klar, ohne Transen wäre mein Leben ein anderes. Nie hätte ich ein Casting für eine „Szene“-Magazin beim TV gewinnen können, es gäbe keine schnelle Medien-Kariere inklusive Absturz und kompromittierender Schlagzeilen „ Berlin Beat ist tot – Jackie A. auf Stütze“ , keine Folgeprojekte, wie jenes beim Tip als Kolumnistin – Diese Zeilen hier, sie währen nie geschrieben worden. Ich habe den Queeren also einiges zu verdanken.
Im Technoberlin der Neunziger Jahre hießen meine Kumpanen mit stärkerer Beinbehaarung Gerome, Kaspar oder Superzandy.  Von ihnen erwarb ich Basiswissen über falsche Wimpern und echte Solidarität, über Selbstverteidigung mit Plateaubesohlung, darüber wie man Perücken einen halben Meter und höher toupiert, und wie man Selbstbewusstsein vortäuscht, was man eigentlich gar nicht besitzt. Unsere Beziehungen beschränkten sich – wie mein gesamter Lebensinhalt – auf das Nachtleben und dennoch fühlte ich mich bei meinen Freundinnen geborgen. Bei ihnen musste ich nichts erklären oder mir Sorgen machen, blöd angegrabscht zu werden. Das Gefühl der Verbundenheit war einfach da, beruhte wohl auf der gemeinsamen Ratlosigkeit mit dem Leben umzugehen, der Orientierungslosigkeit, manchmal auch schwierigen familiären Hintergründen und Erfahrungen mit Schmerz oder Gewalt, und dem Entschluss endlich und um jeden Preis eine gute Zeit erleben zu wollen. Der Pakt zur Oberflächlichkeit war unausgesprochen und die Realität wurde unter Tonnen von Make Up, Glitter und Kunsthaar  ersoffen. Seither sind über 15 Jahre vergangen, einiges hat sich verändert  und anderes ist immer gleich geblieben, wie die Darstellung ,der Transe‘ in den Medien als  aufgebretzelte Flachtröte mit nasaler Stimmführung.
Mich nervt das, weil es so selten gelingt, mehr als Fassaden zu beleuchten. Transen, die ich kenne sind mit Lebenserfahrung bepackt, tiefgründig, mit Furchen im Gesicht und auf der Seele,  politisch engagiert, Meisterinnen des Kriesenmanagements, vorurteilsfreie und nie distanzierte Gesprächspartner – und bräuchte ich einen Rat bei einer sehr persönlichen und heikle Angelegenheit, ich würde den einer  abgehalfterten Transe dem eines studierten Psychotherapeuten im frisch gestärkten Kittel vorziehen.
Johanna Jackie Baier hat sich daran gemacht so ein Transendasein mal ohne Griff in die Klischeeschublade  zu beschreiben „House Of Shame/ Chantal All Night Long“ ist ein  Berliner Partyfilm, die Dokumentation wurde gerade bei der Berlinale vorgestellt. In Interviewsequenzen erzählt Partyveranstalterin Chantal aus ihrem Leben -eine Figur, wie aus einem Fassbinderfilm. Aus der Kleinstadt kommend,  landet sie in der Hausbesetzerszene und später auf dem Transenstrich, erlebt glamouröse Berliner Nächte der frühen Achziger genauso wie das Elend des Milleus,  als Menschen um sie herum im Halbjahrestakt starben. Der Befreiungsschlag gelingt ausgerechnet mit einer eigenen Partyreihe „Chantals House of Shame“ – womit mal wieder belegt ist, das Nachtleben mag zerstörerisch sein, es kann aber auch Leben retten. – Guter Film!

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