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Zwischen Disko und Dispo, Folge 122: Däninnen im Ritter Butzke

 

Summerpumps

Letztens stand ich vorm Innenministerium, brüllend, mit einem beigen Sommerpumps  in der Hand – Was hat das Internet nur aus mir gemacht?
Natürlich hab ich mich schon länger für Politik interessiert, jedoch nie sonderlich aktiv. Ich war der Meinung „bringt eh‘ alles nichts“ – und außerdem zu faul, täglich die Politikseiten von FAZ bis Süddeutsche durchzuarbeiten, stattdessen zog ich mir in einschlägiger Presse Fotos betrunkener wie sliploser Filmschauspielerinnen beim Einsteigen in schwarze Limousinen rein. Dafür ist nun nicht mehr viel Zeit.  Entweder bin ich im Internet oder demonstriere, unterschreibe virtuelle Petitionen oder nehme an Volksentscheiden teil, über die ich im Internet informiert wurde. Und das merkwürdige ist, es funktioniert.
Der Volksentscheid „Unser Wasser“ wurde durchgesetzt, und was mein alter Pumps bei dieser Anti-Guttenberg-Demo mitverursachte… Wow! Jedenfalls besitze ich noch sehr viele Schuhpaare für alle möglichen Anliegen und ich habe Internet. – Ich korrigiere, ich liebe Internet, weil ich, unabhängig von Geld und Parteien Einfluss nehmen kann, weil es mir mit den Informationsströmen und schnellen Absprachemöglichkeiten in der „Netzgemeinschaft“ ein Eins-A-Werkzeug in die Hand gibt, mit dem ich und  jeder andere Wicht auch etwas bewirken kann. Gelebte Demokratie – wie geil ist das denn bitte? Mein Partner sagt ja, ich bin zu euphorisch.
Klar, erleidet der ungebremste Optimismus einen Knick, wenn einem vom Taxifahrer erläutert wird, er hätte so viel zur Erkrankung seines Schwiegersohns gegoogelt, dass er nun selbst als Arzt praktizieren könnte. Einen ironischen Unterton konnte ich auch später nicht, während seiner detailieren, 40-minütigen Schilderung einer Magen-Darm-OP feststellen. Ja, es gibt diese Momente, in denen einen die Errungenschaften des www’s plötzlich unattraktiv erscheinen.
Es war Samstagnacht und mein damaliger Partner in spe teilte mir mit, er würde, genau wie ich, seinen Abend gemütlich vorm TV verbringen. Als ich gegen 2 Uhr morgens im Bademantel nochmal zum Rechner schlappte, war ich ziemlich überrascht, als F. hier im 20 Minuten Takt und zunehmend alkoholisiert Details zur Lage aus dem „Ritter Butzke“ twitterte, zum Beispiel über die unaushaltbar geile Dänin am DJ Pult. Vor Wut konnte ich die halbe Nacht nicht schlafen. Am nächsten Tag machte ich F. eine Riesenszene bei Facebook, an deren Ende er, nicht unpathetisch, mit virtuellem Selbstmord drohte, allerdings mit einer Einschränkung. Seinen Twitter-Account würde er, schon wegen des Infoaspekts, weiter nutzen.
Die Geschichte ist jetzt ein knappes Jahr her und F. ist wie die meisten meiner 546 „FB- Friends“ noch bei Facebook aktiv. Das F. „echt“ ist, und kein virtueller Fake, wurde in unzähligenTreffen belegt. Von jedem „FB-Friend“ könnte ich das leider nicht behaupten, – „leider“, weil gerade Nachrichten über das sogenannte „Astroturfing“ die Runde machen. Es geht dabei um Software, die zum gezielten Manipulieren sozialer Netzwerke entwickelt wird. „Fake“-Profile, massenhaft produziert, könnten sich in Diskussionen der Foren und Blogs einschalten und diese im Sinne von Unternehmens- und Regierungensinteressen beeinflussen. Für normale Nutzer wären die ausgefeilten Kunst-Profile nicht von echten unterscheidbar.
Klingt nach Science-Fiction-Roman ist aber real und irgendwie auch beängstigend. Versuchen wir es daher positiv zu nehmen: Falls der Taxifahrer nicht in dieser Sekunde eine Praxis für Gastroentereologie am Alexanderplatz eröffnet, ist die Gefahr nicht akut!

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