• Stadtleben
  • Zwischen Disko und Dispo, Folge 123: Im Soho House

Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 123: Im Soho House

Soho-House

Wollte nur kurz erzählen, wie es im Soho-House war. Das Soho House ist ein geschlossenes Clubhaus in Berlin Mitte, deren Mitglieder wohlhabend sind oder einflussreich oder prominent oder sonst irgendwie eine wichtige Stellung inne haben. Natürlich fragen sie sich jetzt, was hat dann Jackie A. dort verloren. Nun, im Foyer des Hauses wurde Street Art ausgestellt – Kunst, gemacht von und für junge Leute zwischen 30 und 50, mit Strickmütze und in sackartigen Hosen unterwegs, oder in karierten Vestobern kombiniert mir Vollbart und/oder Hornbrillen oder mit Achtziger- Jahre-Frisur und Karottenhosen im Stil der Band „The Hurts“. Ausgestellt wurde neben acrylfarbbeklecksten Bildern, Collagen aus Abfall sowie  Installationen aus kaputten Stühlen, zerknülltem Zeitungspapier und Klobürsten. – Ich habe mich sehr über die Einladung gefreut.

Am Abend wird mir ein Mann im Jacket vorgestellt, das Clubmitglied ist freundlich und bietet eine Hausführung an. Wir warten auf den Lift neben der leicht hysterisch wirkenden Katja Riemann und – schon komisch- zwei Typen im Bademantel, wahrscheinlich Nutzer des Spa- Bereichs. Gemeinsam geht es aufwärts in die erste Etage. Mein Absatzklackern erstickt in dicken Teppichen. Es riecht nach Zedernholz, Feuer knistert in Kaminen,  dunkelgrüner Samt…  Wäre ich Werbefilmregisseur, ich würde hier  eine Neuauflage von „Werther‘s Echte“ anregen: alter Sack im Plüschsessel gibt Sahnebonbons aus – Hauptrolle Eberhard Diepgen! Heute leider nicht anwesend. Dafür Frauen um die dreißig mit gebügelten Haaren, vermutlich auf der Suche nach Eberhard Diepgen, oder sonst Jemanden, der ihren Lebensunterhalt finanzieren möchte. Okay, das ist unfair, es gibt schließlich auch noch andere. Frauen, wie mich zum Beispiel, die das Soho House überflüssig finden, weil Auswahlkriterien, bei denen Geld, Status und Vetternwirtschaft wesentliche Rollen spielen, ja so speckig und unsexy wirken. Jemand erklärte mir mal, dass im Soho House auch andere Menschen, also sehr talentierte Künstler zum Beispiel mit nicht ganz so viel Geld Mitglied werden könnten.
Das dies kein Stück gelogen war, wurde wenige Sekunden später klar, als ich aus einem riesigen Ohrensessel heraus die krächzende Stimme des winzigen  DJ Fritzi* vernehme. DJ Fritzi ist 1, 56 groß, hat eine stoppelige, blondierte Frisur und berichtet seit zirka 1992 auf wechselnden Berliner Technoevents die stets gleiche Geschichte von seiner Freundschaft zu einem ehemals weltberühmten Techno DJ. An besonders guten Abenden krempelt er das rechte Hosenbein hoch, knallt seine Wade auf einen Barhocker, weiss, mit Narben gespickt, und krächzt „Einschusslöcher, Frankfurter Hauptbahnhof.“
Ich weiss nicht, ob Fritzi jemals im Knast saß, ich hörte aber, dass er eine Zeit lang rumerzählte, er hätte mich flachgelegt. Ich denke das frühe Ende meiner Medienkariere steht im direkten Zusammenhang mit der DJ-Fritzi-Story. Um einen peinlichen Moment zu vermeiden, habe ich so getan, als ob ich Fritzi nicht sehe, und mich dann schleunigst verabschiedet. Vermutlich überrascht es sie zu hören, aber ich fands im Soho House nicht so toll.

* Name von der Redaktion geändert

Mehr über Cookies erfahren