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Zwischen Disko und Dispo, Folge 124: Wedding

Voltastraße

Im Wedding hat eine neue Bar aufgemacht, Daisies ist der Name. Der Hund meiner Mutter heißt auch Daisie, eine sehr anstrengende Mischlingshündin, die fixiert ist auf grüne Bälle – aber darum soll es nicht gehen. Ich möchte hier auch nicht zum zwanzigsten Mal den Wedding als  neuen Szenekiez anpreisen. Ich wünsche einfach, dass sie in meine Kompetenz als Jahrhundertelanger Nachtlebenreporter vertrauen und ich sage ihnen: der Wedding kommt! – Denn ich persönlich werde hinziehen.
Das geht auch nicht anders, weil hier in Pankow die Mieten immer teurer werden. Schuld ist das System und ein Autor, der meinte, er müsste einen über die Maßen schwärmerischen Text über Pankow als das neue, schönere Prenzlauer Berg in der „Zeit“ veröffentlichen. Vor zwei Jahren bin ich in das letzte unrenovierte Haus meiner Straße eingezogen. Sie dürfen mich ruhig auslachen, aber ich war überrascht, als vier Wochen später die Ankündigung zur Sanierung inklusive 30-prozentiger Mieterhöhung in meinem Briefkasten lag. Inzwischen kostet eine Zwei-Zimmer-Wohnung in meiner Straße 910,- Euro warm. Da ich hin und wieder gern auch ein paar Lebensmittel einkaufen würde, plane ich meinen Lebensschwerpunkt in den günstigeren Problemkiez zu verlagern. Ich kann nicht sagen, dass ich den Wedding besonders hübsch finde, zumindest aber ein paar seiner Bewohner sind es, wie der berüchtigte Fernsehmoderator J.H., mit dem K. und ich das Daisies besuchten. Der erste Eindruck war deprimierend.  Stufen führten abwärts in einen quadratischen, schlecht beleuchteten Raum mit gefliestem Boden. In dem ehemaligen muslimischen Herrentreffpunkt standen wir neben sechs gelangweilten Studenten an der Bar und bedauerten unseren Aufenthalt. Gerade wollten wir los, die vernichtende Kritik fürs Magazin hatte ich gedanklich ausformuliert, da informierte man uns, dass einen Raum weiter ein Konzert stattfindet. Als wir eintraten, war es brechend voll. Leider wollte niemand seinen Platz für uns räumen, obwohl wir die ältesten waren. Eine Frau sang unheimlich schön, und der Fernsehmoderator erzählte, wie er die Gentrifizierung im Wedding miterlebt, wie wöchentlich die Möbelwagen in seiner Straße vorfahren, anfangs noch kleinere mit Studentenequippment, jetzt LKW Ladungen mit Mobiliar von Leuten um die ‚30 plus‚.  Das Publikum im Daisies war eher ‚30 minus‚ und niedlich, weil kreativ verhuscht – wenn sie verstehen, was ich meine. Ich hab mich dann lange mit einem erwachsenen Mann mit Pudelmütze unterhalten, denn ich treffe nicht jeden Abend Leute, die den gleichen Beruf ausüben. D. ist Autor bei einem englischsprachigen Stadtmagazin und berichtete halb tragisch, halb lustig über sein Leben als alternder Nachtlebenkolumnist, der langsam müde wird von den Partys und eigentlich Kinderbücher schreiben will, in denen er zum Beispiel Erlebnisse beim Jobcenter verarbeiten möchte. Es sieht so aus, als ob ich im Daisies meinem Zwilling begegnete. Leider wurde unser Gespräch unterbrochen, weil D. in seinem Sessel einnickte. Das Daisies würde ich ihnen dennoch empfehlen: Brunnenstraße 115.

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