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Zwischen Disko und Dispo, Folge 125: Post vom Anwalt

Billy Eigentlich sollten sie an dieser Stelle eine Kolumne lesen mit dem Titel „Ein unseriöses Angebot“. Es ging um Details eines, sagen wir mal, originellen Bewerbungsgespräches, doch leider kann ich ihnen den Text nicht präsentieren, weil ich heute eine Email von einem Anwalt erhielt mit Hinweis auf Verschwiegenheitsverpflichtung. Dummerweise sollte der Text gerade in Druck gehen und alles was ich hab ist ein leeres Blatt Papier und eine Geschichte, die ich nicht veröffentlichen darf.
Nachdem ich 20 Minuten schreiend durchs Wohzimmer lief, zirka 8000 Zigaretten qualmte und sich hektische Flecken vom Hals über’s Dekolletй ausbreiteten, möchte ich ihnen nun stattdessen meine Empfehlung für die bevorstehende Outdoorsaison geben und sie auf einen einzigartigen Event hinweisen. Ich entdeckte ihn mit meinem Lebenspartner im letzten Jahr durch Zufall bei einem romantischen Ausflug nach Potsdam – die anderen 5000 Besucher wussten wohl schon länger davon. Die Erdgasparty, wir nannten sie so, weil überall meterhohe Schilder mit entsprechendem Aufdruck aushingen, hinterließ bleibenden Eindruck und war der Grund dafür, dass wir weitere Potsdambesuche bis zum Jahresende ruhen ließen. Gefühlte Neunzig Prozent der Anwesenden im Potsdamer Lustgarten waren männlich. Vereinzelte Frauen, die ich bemerkte, trugen Bauchtaschen, burschikose Kurzhaarschnitte, Tribaltatoos auf erogenen Körperstellen und manchmal auch am Hinterkopf einen Strichcode, wie bei leeren Verpackungen für Glühbirnen oder Radiogeräten. Es war ein herrlicher Junitag aber sie guckten alle außerst grimmig. „Flesh For Fantasy“ sang ein bockloser Billy Idol auf der Bühne – oder Billy „Eitel“ wie Irene, unsere Zufallsbekanntschaft ihn nannte. Die Rentnerin informierte: „Der hat 1985 die Punkbeweggung gegründet!“ – Ja, Irene war eine der wenigen lustigen Menschen auf dem Fest. In Jeanskorsage und mit Hochsteckfrisur flirtete sich die 69 Jährige durch die Menge, durstig schleppten wir uns hinterher, verzweifelten bei 32 Grad wegen meterlanger Schlagen vor den Getränkebuden- großstädtische Weicheier, die wir nun mal sind. Am einzig leeren Stand – Fischbrötchen – spendierte ich meinem Partner einen Snack. Der Verkäufer machte die Ansage „1,50“ und klärte auf: „Erdgasparty? Ne. Dit is hier Stadtwerkefest von der Bewag – Stromausfall alle zwei Stunden! Und icke hier mit dem Fisch…“ Billy Idol war inzwischen bei „Money, Money“ angelangt und warf leere Pappteller ins Publikum. Gleich würde Joe Cocker auftreten und Irene stellte uns eilig ein paar Kumpels vor: Blume, Distel, Fichte und Schlagstockralf – allesamt sehr spezielle Typen,  beisielsweise dieser Distel. Er trug eine ausgebeulte Jogginghose und die Sonnenbrille im Nacken. Er erzählte uns, wie er letztens, im Rahmen seiner Auflagen vom Jobcenter, auch eine Bewerbung an Angela Merkel schrieb. Er wollte sie persönlich überreichen, kam aber nur bis ins Foyers des Kanzleramtes. Beim Pförtner gab er das Schriftstück ab, in dem er sich als „Hartz-Vier-Berater“ ins Kabinett empfahl. Angela Merkels Büro verfasste eine schriftliche Absage, berichtete er weiter, und das die beim Jobcenter ganz schön komisch guckten, als er den Brief vom Kanzleramt vorlegte… aber immer noch besser, als eine Email vom Anwalt, wenn sie mich fragen.

Nächste „Erdgasparty“: Stadtwerkefest in Potsdam, 01.07.- 03.-07.2011

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