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Zwischen Disko und Dispo, Folge 126: Der Tod

SkelettDas Wetter ist gerade so schön, da wollte ich kurz mit ihnen über den Tod sprechen.
Auslöser war ein Artikel zum Thema in der Berliner Zeitung, dessen Inhalt mich nicht beklemmte sondern, zum Leidwesen meiner Bekannten,  nachhaltig beschäftigte. Ich fragte mich (und auch die Bekannten), warum ich eigentlich so wenig über den Tod mitbekomme. Wobei, gelegentlich höre ich ja von ihm, als Nachricht oder Statusmeldung bei Facebook „R.I.P. Person Sowieso“ steht dann da. Mich berührt das seltsam, nicht wegen möglicher Pietätsmängelbedenken mit der ‚Daumen-hoch‘- Symbolik oder den Wortbeiträgen, die selbst aus tiefstem Herzen kommend, noch banal in den Kommentarleisten wirken. Ich vermisse mehr etwas Grundlegendes, ein Gefühl für einen natürlichen Kreislauf der Dinge, eine Art Selbstverständnis mit dem Tod als Bestandteil des Lebens umzugehen. Mir ist das nie gelungen. Wie auch, wenn um einen herum immer alles jung und schön sein will?
Ich weiss nicht, wie es in ihrem Leben aussieht, aber ich treffe höchst selten alte Menschen, ich begegne viel mehr Leuten auf der Straße mit Kaffeebechern aus Plastik, die keine Zeit haben: Becher leer, Kalender voll – Termine bis 2018. Für den Tod hat Niemand einen Termin und ich verspüre ja auch keine Sehnsucht, ich will lediglich verstehen, mit wem ich‘s zu tun bekommen werde. „Sterben ist nichts für Feiglinge“ hat meine Oma gesagt – eine der raren Alten in meinem Leben.
Sie ist über Achtzig und erwartet zuhause in einem Dorf und unter einer Wolldecke auf der Couch ihr letztes Date. Wenn ich sie besuche dichtet sie manchmal, über Engel und alles Mögliche. Es sind keine melancholischen Texte, eher so robust-lustige, in denen der Engel die Harfe einpacken und sich wieder verpfeifen soll. Sie lacht mehr als früher und ich hab mich gefragt, wieso ihre Augen, so wach und blau, überhaupt nicht alt wirken – der Rest scheint zunehmend zerbrechlich. Sie isst nicht mehr viel aber Eierliköreis und Kaffee gehen immer, meint sie. „Ich wundere mich, das ich heute schon wieder aufgewacht bin“, hat sie beim letzten Mal gesagt. Irgendwie beruhigend, mit welch‘ scheinbarer Gelassenheit sie der Sache entgegensieht. Nun ja, meine Oma hat keine Schmerzen, ihre Familie um sich herum und das Sofa mit Blick auf den Wald hinter der Terrasse, es könnte schlimmer kommen. Es könnte einen beispielsweise unvorbereitet treffen, im ersten Lebensdrittel und ohne Zeit für Verabschiedung. Im Januar starb Ralf Regitz, Berliner Partyorganisator, DJ Gianni Vitiello ging 36-jährig zwei Winter zuvor. Beide waren keine Freunde von mir aber Bekannte, der gleichen „Generation Techno“ zugehörig und vermutlich mit ähnlichen Dingen beschäftigt: festen Beziehungen, Jobbaustellen, elektronische Musik und einem Sack voller Angelegenheiten, die geregelt werden wollten.
Die Meldungen haben mich erst betrübt und nachdenklich gemacht, dann setzte Dankbarkeit ein, dafür, dass man selbst noch leben darf. Ich nahm mir vor, zukünftig Chancen besser zu nutzen und mutiger zu sein, auch respektvoller mit den eigenen Reccourcen umzugehen – nicht so viel Rauchen! Am nächsten Tag hatte ich’s dann wieder vergessen.
Zum Glück beschäftigen sich auch weniger vergessliche Menschen mit dem Thema. Das Magazin Polar, viele der Mitarbeiter kaum älter als 30, hat seine Jubiläumsausgabe dem Thema „Tod und Gesellschaft“ gewidmet und jetzt werde ich losgehen und mir die Zeitschrift kaufen, das Wetter ist ja gerade so schön!

www.polar-zeitschrift.de

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